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RADICAL EYE

BILDBAND

4to., 168 Seiten mit 147 s/w-Abbildungen, broschiert, Text in deutscher und englischer Sprache
Drei Gestalten Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-931126-13-7

Buchumschlag, VorderseiteZwanzig Jahre radikaler schwarz-weiß Fotografie gebündelt im ersten Buch von Miron Zownir. Der Titel mit dem passenden Namen Radical Eye verschönigt nichts. Gnadenlos naturalistisch dokumentieren Zownirs Bilder den sozialen und moralischen Verfall der Gesellschaft - Berlin Ende der Siebziger, später New York, Anfang der Neunziger die ehemalige Sowjetunion. Miron Zownirs Radical Eye ist nichts anderes als Dantes Inferno im Hier und Jetzt. "Wir halten Radical Eye für ein einmaliges Fotodokument über das Leben, Wahrheit und Würde!"

REZENSIONEN:

Die drastischen Fotografien des Miron Zownir - Bilder aus der Schattenwelt | von Kito Nedo | in: Berliner Zeitung vom 12. Mai 2009 | Licht, so schrieb einst der Schriftsteller Iwan Goll, sei das "starre Gesetz" der Fotografie: "Die unumwundene Logik des Schwarzweiß: wo kein Licht ist, ist Schatten." Allein aus diesen beiden Attributen, so Goll, sei "die ganze bunte Welt aufzubauen". Das veränderliche Verhältnis von Helligkeit und Dunkelheit ist konstituierend für die Fotografie. Würde man ihre Welt nach Lichtfiguren und Schattenmenschen einteilen, so müsste man den Berliner Miron Zownir unbedingt zum äußersten Rand der Schattenfraktion zählen. Es gibt nur noch wenige in der zeitgenössischen Szene, welche die Poesie der Dunkelheit und des Obskuren, das Versprechen des Authentischen in der Grobkörnigkeit der Schwarzweiß-Fotografie und den Glauben an den entscheidenden Moment noch so ungehemmt feiern wie er. Zownirs Bilder, die Rainald Goetz einst als "Abart-Fotos" beschrieb, sind oft grausam und schwer anzusehen. Die Menschen, denen sich der Fotograf in den großen Städten mit der Kamera bis auf wenige Zentimeter nähert, leben in Zuständen des Extremen. Oft sind es Situationen sozialer Desintegration und Verwahrlosung, der Armut und sexuellen Ausbeutung, die der Fotograf dokumentiert. Zuweilen findet man in Zownirs Bildern jedoch auch inszenierte Gesten stolzer Renegaten oder Dokumente der fortdauernden, untergründigen Rebellion. Wie er an solche Bilder gelangt, welches Verhältnis er zu den von ihm Fotografierten hat, kann man diesen Fotografien nicht ablesen. Die einzige Information, die den Betrachtern zu Zownirs Bildern geliefert wird, ist der Ort und das Jahr der Aufnahme. Zu wissen, wo und wann ein Bild entstand, ist schön, doch im Gesamtkontext von Zownirs mittlerweile dreißigjährigem Schaffen ziemlich unbedeutend. Denn längst ist deutlich geworden, dass der 1953 in Karlsruhe geborene Autodidakt nicht auf die Straße geht, um die Welt zu dokumentieren, sondern um visuelle Belege für eine Welt der Extreme zu finden. Zownir besitzt nicht nur den Instinkt, die richtigen Orte für sein Projekt zu erkennen. Er besitzt auch den Willen und genügend Freiheit, diesem Instinkt zu folgen. Als Chronist der Subkultur geht er dorthin, "wo es passiert": Ende der siebziger Jahre fotografiert er die Punkszenen in Berlin und London, nach der Übersiedlung in die USA 1980 taucht er in die schwule Subkultur New Yorks kurz vor der großen Aids-Depression ein. Dort dokumentiert er unter anderem das exhibitionistische Treiben an den "Sex-Piers", einer stillgelegten Hafenanlage an der Westside von Manhattan, die nach mehreren Zwischenfällen schließlich bald von den Behörden geschlossen und abgerissen wird. Mitte der neunziger Jahre findet er in den Straßen und Metro-Stationen Moskaus das Grauen einer im Kern kaputten Gesellschaft: Kranke, Obdachlose, verwesende Leichen, um die sich niemand mehr kümmert. Es sind besonders diese Bilder aus Russland, die die Frage nach den Grenzen eines solchen fotografischen Verfahrens aufwerfen. Steht Zownir in der Tradition von Jacob A. Riis oder Lewis W. Hine, die sich als Pioniere der Pressefotografie um 1900 in die Armenviertel New Yorks begaben, um sozialreformerischen Bemühungen mehr Nachdruck zu verleihen? Oder ist es lediglich ein kruder ästhetischer Cocktail aus Sex, Gewalt und Elend, den der Fotograf hier präsentiert und der sich allein durch dien ästhetisierenden Schwarzweiß-Filter von dem Porno- und Gewalt-Trash unterscheidet, der sich schon einige Zeit durch diverse Kanäle schiebt? Eine endgültige Antwort auf diese Fragen gibt die Ausstellung bei Bongout nicht. Doch es macht durchaus Sinn, über das Selbstverständnis der von Zownir repräsentierten Außenseiterfotografie nachzudenken. Vielleicht ist es gar nicht mehr so radikal, für ewig auf der Schattenseite zu stehen. Bongout Galerie, Torstraße 110 (Mitte), bis 30. Mai. Di-Sa 12-19 Uhr.
Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/archiv/die-drastischen-fotografien-des-miron-zownir-bilder-aus-der-schattenwelt,10810590,10639054.html

Radical Eye | Autor unbekannt | publiziert in: INTRO-Magazin, Köln, Februar 1998 | Der als Sohn eines Ukrainers und einer Deutschen in Karlsruhe geborene Fotograf und Filmemacher Miron Zownir gilt als einer d e r großen existentialistischen Fotografen unserer Zeit. Er ging mit 20 nach Berlin, wäre aber \"überall hingegangen, wo eine Filmhochschule steht.\" Zum Glück wurde er dort abgelehnt und begann zu fotografieren: \"Meine Fotorecherchen waren damals eher die eines Amokläufers, der tagsüber in der Fabrik malochte und nachts wie ein Raskolnikow zwischen Suff und Exzeß, Halluzination und Fieberwahn auf den Auslöser drückte. Es waren Fotos meiner Umwelt, Versager wie ich, Leute die aufs Ganze gingen, Alkoholiker, Schläger, Nutten.
Vielleicht kommt meine Vorliebe für Transvestiten und Dekadenz aller Art einfach daher, daß ich in einer sehr spießigen Stadt aufgewachsen bin. Irgendwann konnte ich auch Berlin nicht mehr ab und ging nach New York. Ich glaube, in den acht Jahren dort hatte ich nicht einen legalen Job. Und die - ob als Rausschmeißer, Geldeintreiber oder Türsteher in den großen Schicki-Micki-Clubs oder als Verfasser von Telefonsex-Texten - haben mich immer wieder mit ungewöhnlichen Leuten zusammengebracht.\"
Die 152 großformatigen S/W-Fotos der Miron Zownir-Werkschau \"Radical Eye\" dokumentieren als Stationen der \"Peripherie des eigenen Lebens, an dem sich meine Fotografie stets orientiert hat\", das Berlin zwischen Punk & New Wave Ende der 70er, Los Angeles und Pittsburgh. Den Schwerpunkt des Bandes aber bilden Fotos aus New York und Moskau: \"Das New York der 80er war das Mekka der Perversen und Dekadenten, ich habe mit Sicherheit das umfassendste Zeugnis der radikalsten sexuellen Revolution der 80er Jahre dokumentiert\", erzählt Miron Zownir. Seine Fotos - bevorzugt von den berüchtigten \"Sexpiers\" am Hudson River - stammen noch aus der Prä-Aids-Zeit. Lange bevor die Drag-Queens zum schicken Establishment gehörten, waren Transvestiten und andere Analabenteurer die billigsten und verfemtesten Nutten NYs. Ob Exhibitionisten, Krüppel, Nutten, S/M-Freaks, Obdachlose, Kriminelle oder perverse Sextouristen, die Fotos von Miron Zownirs New Yorker Periode wirken fast harmlos artifiziell gegenüber den Aufnahmen aus Moskau 1995.
\"Auch wenn ich voreingenommen bin, da ich mich nur in dunklen Ecken, an Bahnhöfen und Kloaken herumtrieb, das war die gefährlichste und aggressivste Stadt, in der ich je war. Es war keine Seltenheit, von einem besoffenen, Maschinengewehr-schwingenden Miliz-Soldaten verfolgt zu werden. Ich kann mich mit meinen 1,86 m und meiner Glatze ja auch schlecht hinter der Kamera verstecken. Ich habe ohne Teleobjektiv gearbeitet, die Fotos sind alle authentisch, entweder einfach so oder aber als Reaktion auf mich entstanden. Oder weil sich Leute ausdrücken wollten. Man hat selten die Zeit, um Erlaubnis zu bitten, ein gutes, d. h. authentisches Foto machen zu dürfen. Und Fotografie ist ein indiskretes Medium. Gerade in Moskau haben sich immer wieder Leute eingemischt, wenn ich Tote oder Sterbende fotografiert habe, selbstbewußte alte Frauen, die mir in die Kamera griffen oder einem Toten noch schnell die Geschlechtsteile verdeckten. Es ist keine Heldentat, einen Toten oder Sterbenden zu fotografieren, ich hatte immer ein Gefühl der Befangenheit, des Unbehagens, der Machtlosigkeit. Ich hatte nur eine kleine Pocketkamera mit Blitz und mußte sehr nah ran. Das waren Gerüche und Geräusche, bei denen ich noch heute Alpträume bekomme. Die Hölle, Dantes Inferno. Es war nicht einfach zu wissen, daß ich der letzte menschliche Kontakt dieser Menschen auf Erden war. Der einzige, der ihnen Beachtung schenkte, auch - oder vor allem - weil mein Motiv das kalte, skrupellose Bild blieb.\" Kalt aber sind diese Bilder nicht, bei aller Nähe, die gerade einige Moskauer Fotos zu denen einer überfahrenen Krähe in der Straße nebenan haben. Gerade die drei Fotos eines Toten, aufgenommen im Abstand von 30 Stunden, in denen er \"unbehelligt\" auf der Straße liegt, vermitteln mehr Respekt vor der Kreatur als aller H. Sachs- oder Newton-Schmonz zusammengenommen. Miron Zownir: \"Es gibt zu dem Elend, das ich erlebt habe, kein Gleichgewicht, nicht den Kreml, die Klöster oder die Mafiabordelle.\"
Der warnende, an \"Explicit Lyrics\"-Sticker erinnernde Hinweis auf der Rückseite des Buches ist wohl für den US-Markt bestimmt, trifft die an die Nieren gehende Stringenz dieses Fotobandes aber auf den Punkt: \"Bitte von Kindern fernhalten. Wir halten 'Radical Eye' weder für obszön, blasphemisch noch pornographisch, sondern für ein einmaliges Fotodokument über das Leben, Wahrheit und Würde.\" Portraits, die wirken wie Ikonen von Trauer, Lust, Leid, Hunger, Drogen, bizarren Ritualen, vom Sterben und vom Tod, der in Moskau 1995 besonders lange dauert. Miron Zownir, der auch Filme und Videos dreht, sieht seine Einflüsse trotz aller optischer Dominanz denn auch eher bei Literaten wie Dostojewski, Burroughs, Kafka oder Joseph Conrad, wobei \"Weegee und Diana Arbus für mich sicher zu den größten Fotografen und Künstlern des Jahrhunderts gehören.\" Mich erinnern Zownirs Kunst, seine Bilder von Outsidern, Exhibitionisten, Nutten, Transvestiten, von Kinski, Punks, alten Frauen und \"alten\" Kindern in ihrem unerbittlichen, ästhetischen Insistieren auf Konkretem und ihrer gnadenlosen Achtung vor dem Subjekt an Wols. Den heute fast vergessenen Maler und Fotografen, der wie kein anderer durch eine fast manische Direktheit selbst ein paar Bohnen oder eine Büchse Sardinen in einen dramatischen Appell an den Augenblick verwandeln konnte.
Quelle: http://www.intro.de/platten/kritiken/23022792/miron-zownirradical-eye

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