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Reinhard Scheibner | NO!art involvement DE | EN
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LOCUS ANIMI - (AB)ORT DER SEELE

Rezension von Klaus Theuerkauf

Veröffentlicht in: Reinhard Scheibner, Holy Shit, Marseille 2001

« IL FAUT RISQUER LES INDIGESTIONS, Sl L'ON A ENVIE DE MANGER! » Francis Picabia
« L'ETRE IDÉAL? UN ANGE RAVAGÉ PAR L’HUMOUR.» E. M. Cioran

Seit nunmehr über zwanzig Jahren bemühen sich die Stadt Berlin, als auch das restliche Deutschland mit Erfolg Reinhard Scheibner zu übersehen. Und dabei ist man hierzulande nicht gerade allzu üppig mit guten Malern bestückt. Man bedient sich lieber der weniger sperrigen, braven Geniedarsteller und pseudointellektuellen Klugscheißer, toilettenrein, geistiger Dünnschiss auf Hochglanz poliert, Hauptsache ohne Aussage. Schön alles auf Zwergen-Niveau herunterköcheln. So ist es nicht verwunderlich, dass die umfassenderen Publikationen auch ex patria erscheinen. Die deutschen Schreiberlinge und Kuratoren, seit der Eliminierung der jüdischen Intelligenz immer mehr zu Handlangern des Raubtiers Kunstmarkt verkommen, haben seit jeher äußerste Schwierigkeiten mit Bildern gehabt, die die Grenzen zum Karikaturhaften, zum Comic zu überschreiten wagen: Die hehre Kunst hat im Land der Dichter und Denker gefälligst ernst zu sein und Comic hat darin als angeblich schiere Unterhaltung aber auch gar nichts verloren, und basta! Lachen verboten! Wer lacht, kann nicht ernst sein, doch wer zu ernst ist (und das sind die Germanen leider nun mal), hat auch nix zu lachen. Also lieber Kopfschmerzen im Wasserkopf als erlösenden Humor. Wie absurd und verbohrt selbstbeschneidend diese Denkweise ist, soll hier nicht Thema sein. Schließlich gäbe es keinen Plautus, keinen Rabelais, Jarry, Rops, Ensor, Grosz, Crumb et cetera. Ein Robert Combas oder Hervé di Rosa müssten in Germanien ebenso beim Sozialamt mit anstehen.

Ende der Siebziger, Anfang Achtziger entstehen meist großformatige Leinwände in zeitgemäß wildem Duktus, doch seine Arbeiten unterscheiden sich grundlegend von den verhuscht dahingepinselten Flachheiten der „Moritzboys". Wie viele Künstler ist er fasziniert von der radikalen Konsequenz des Verbrechers, dem bewussten Verstoß gegen die Bürgerliche Moral. Das Abgründige, Abwegige, Albtraumhafte, „das schrecklich Schöne der Tat“ (Nietzsche) sind bei weitem ergiebiger als das Schöne, Wahre, Gute. Die Niederungen der menschlichen Existenz werden hier ausgelotet, es geht stets sofort zur Sache. Rohe Gewalt beherrscht die Szenerie. Die Täter sind Ärzte, Polizisten, Lustmörder, Punks, Skinheads, scheißende Köter. Der verrückt gewordene Spießer von nebenan - er löscht gerade seine Familie systematisch aus. Riesenweiber, die sich an ihren mickrigen Männlein austoben. Perverse, die Hand an sich legen und legen lassen. Ein nettes Pandaimonion der Neuzeit wird sarkastisch mit viel Liebe auf dem Präsentierteller gereicht.

Es ist auch die Zeit des Häuserkampfes. In Ermangelung an Polizeipräsenz haut man sich in den Kaschemmen bisweilen gegenseitig aufs Maul. Polizisten und Autonome gleichen sich in Aussehen und Gehabe immer mehr an, wer ist Täter, wer ist Opfer? Der Wahnsinn ist allgegenwärtig und beinahe physisch spürbar in der Frontstadt des Kalten Krieges. Reagan, schon vor seinem Alzheimerausbruch schwachsinnig genug, sinniert laut über die Gewinnbarkeit eines Atomkrieges (first-strike-capability!), 1984 steht vor der Tür, der Horla geht um. No Future - Geraunz dringt aus jedem Loch. Dann kocht auch noch Tschernobyl über, und das Affentheater ist perfekt. Die Realität ist wie immer nicht zu toppen. Scheibner versucht sich lediglich an diese heran zu tasten, sie malerisch zu begreifen. Daher die akribische Detailfreude, die barocke Fülle an Gegenständen und Personen, von denen es auf den Arbeiten häufig wimmelt. Er erzählt Geschichten aus der Großstadt, der kranken Hektik des Sommerschlussverkaufs, der Vereinsamung des Einzelnen in der Masse, dem Gebrüll in den Destillen, dem Gewusel auf den Straßen; die Architektur ist abstoßend, lebensfeindlich, monströs und bedrohlich. Natur existiert so gut wie nicht, wird höchstens angedeutet.

1991 kommen während der „Operation Desert Shield" zu den apokalyptischen Darstellungen des Alltags noch Schlachtenbilder mit Panzern, Scud-Raketen und Gasmasken tragenden Soldaten hinzu, wie immer dicht am Zeitgeschehen. Auch entsteht ein fantastisches Gemälde über Nietzsches Zusammenbruch in Turin. Der das Pferd peinigende Kutscher trägt karikaturhaft Scheibners Gesichtszüge - hochrot vor Wut, drischt er auf die wehrlose, ausgemergelte Kreatur ein. Obwohl er sich auch mit dem verrückt werdenden Philosophen identifiziert, ist er Täter und Opfer zugleich, also keinen Deut besser als die Arschlöcher, die er darstellt: Eben ein Arschloch unter Milliarden Bekloppter, und ein jedes bildet sich ein, irgend einem vermeintlichen Sinn hinterher traben zu müssen. Alles nur Blutbeutel voller Scheiße, ferngesteuert durch die Geißel der biologisch bedingten Hinfälligkeit, stets darauf bedacht, andere zu zerstören, bis sie selber an die Reihe kommen.

In der ersten Hälfte der Neunziger werden die Bilder zunehmend plakativer, haben scharf umrissene Konturen, manchmal gibt es nur eine einzige Farbe außer schwarz und weiß. Er versucht sich zu reduzieren, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Gesellschaft hat sich unterdessen natürlich nicht geändert, nur alles mit anderen Vorzeichen im ewigen Kreislauf. Man sitzt rauchend und saufend in Kneipen, während im Hintergrund fleißig geschossen wird, ist Opfer der Medizin, scheißt Bettlern in den Hut, Augenlose kaufen beim Neger am Imbiss Augen, die sie sich, obgleich auch noch ohne Münder, versuchen sich einzuverleiben. 1996 tauchen die Schließmuskelgesichter wieder in malerischer werdenden Bildern auf. Der Kopf ist zum Arschloch geworden, die Umkehr der Verdauung angesagt. Es entstehen zahlreiche Aquarelle. Die Arschlochköpfe haben anstatt Beinen oft nur einen Riesenphallus, erigiert oder schlaff, Därme schwirren durch die Lüfte, die Szenen werden aberwitziger.

Aber auch eins zeichnet sich ab: Scheibners Sicht wird distanzierter und er entdeckt für sich die Flora. Es gibt auf einmal grünes Gras, Bäume und gepflegte Landschaften, eine gewisse Form von Bejahung schleicht ein. Nun ja, im Hintergrund wird immer noch gemordet, geschändet und gebrandschatzt. Er ist von der Realität bewegt, aber nicht mehr erstaunt, der ganze Quatsch der Erdianer eher amüsant als tragisch. Man wähnt sich in seinem Humor bestätigt oder lehnt ihn als zu ekelhaft ab, klare Positionen, wie bei jeder großen Kunst. Und als Konsequenz der Arschlochköpfe, die manchmal aus dem Rosettenmund Verdautes absondern, haucht Scheibner den Kotstangen Leben ein. Sie enthalten Menschenphysiognomien und entwickeln sofort ein Eigenleben.

Der Mensch in seiner lächerlichen Vermessenheit, als Abfallprodukt der Evolution. Die Krone der Schöpfung eines selbsterdachten Gottes hat sich als solche disqualifiziert, wird eins mit ihrem Exkrement. Die Erde scheißt man mittels Übervölkerung, durch zu zahlreiches Da-Sein förmlich zu, wird zum eigenen Produkt sozusagen. Kloakenanbetung, Ausscheidungskämpfe, Mastdarmidylle, willkommen beim Kongress der Koprophagen. Die Köttel tummeln sich so arglos, heiter und ausgelassen in der Meeresbrandung, am Rodelberg, in Parkanlagen, in einer immer positiv erscheinenden Natur, hängen aber auch gerne in Bauhausmöbeln (zweite Natur) rum.

Rollstuhlfahrerkackwürstchen werden liebevoll durch die Gemarkung geschoben. Das Künstlerhäufchen im Rollstuhl darf da selbstverständlich nicht fehlen. Die Freizeit-, Spaß- und Arbeitslosengesellschaft feiert fröhliche Urständ als Fäkalie. Man hat auswendig gelernt, Leben vorzutäuschen. Der Mensch ist auf seinen einzigen wahren Beitrag in der Natur reduziert, als Düngemittel für kommende genauso nutzlose Lebensformen. Irgendwann wird der Planet nicht mehr von der Seuche Mensch befallen sein, scheißegal - können wir uns doch bei einem schönen Gläschen Wein den lustigen Artefakten eines Reinhard Scheibner hingeben und somit unser eigenes Siechtum im Geiste vorverdauen.

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