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SPEISEEIS IM ÜBERFLUSS

Ausstellung mit Radierungen der Sechziger Jahre aus dem Archiv der Druckwerkstatt
Kurator: Reinhard Scheibner | Eröffnung am 8. Dezember 2008 um 19 Uhr
Druckwerkstatt-Ausstellungen im Bethanien | Berlin-Kreuzberg | Mariannenplatz 2
Radierung ohne Titel und Urheber

Die Drucke der hier vorgestellten Ausstellung entstammen einem Konvolut ungeordneter Werkstattdrucke aus der alten Druckwerkstatt des BBK*, die von 1955-1973 in der Heerstraße untergebrach war. Den Arbeiten Radierung ohne Titel und Urheberliegen keine schriftlichen Angaben zur Entstehung bei und wenn die Signatur fehlt oder unleserlich ist, bleiben sie auch anonym.

Die in einer Wohnung untergebrachte, technisch bescheiden ausgerüstete Werkstatt wurde von Gerd Metz geleitet, der später die Radierwerkstatt an der HdK übernahm. Von dort verdanke ich ihm noch eine breite Narbe am Oberschenkel, hilfsbereit wie immer verteilte er die unverdünnte Schwefelsäure allzu großzügig auch über den Rand des Säurebeckens. Das ist insofern passend als die Ätztechnik ursprünglich nicht zum Drucken entwickelt wurde, sondern von Waffenschmieden um Waffen und Rüstungen zu verzieren. Die ersten Radierungen z.B. von Dürer sind deshalb auch Eisenradierungen, bis dieses bald darauf vom weicheren Kupfer abgelöst wurde.

1971 übernahm Jan Huber die Betreuung der Werkstatt, einer seiner hier gezeigten Arbeiten entlieh ich den Titel der Ausstellung. Die 60er Jahre bilden den Schwerpunkt der Ausstellung, zu sehen sind allerdings auch Arbeiten von 1959 bis 1973.

Zuerst fielen mir beim wühlen in dem Stapel ein paar großformatige Drucke von Peter Ackermann (1934-2007) auf, der war mir noch aus den 70er Jahren ein Begriff. Schnell gesellten sich weitere Künstler von vergleichbarer Phantastik dazu, bildeten ein übergewicht. Das überraschte erst einmal, hätte ich aus dieRadierung ohne Titel und Urheberser Zeit doch mehr Gesellschaftskritik, Politisches oder eben Pop erwartet. Doch dann erinnerte ich mich, dass es Anfang der 70er Jahre nicht nur in West-Berlin eine etwas modische Strömung phantastisch surrealer Kunst gab, die ja nicht erst damals entstand, und wofür das 1973 erschienene Buch über 200 Jahre Phantastische Malerei von Wieland Schmied ein Indikator gewesen sein mag.

Zu sehen sind dunkle, düstere, seltsam in sich versponnene, der Zeit enthobene Blätter, die da in altersgebräunten Mappen in ewigem Mittag Dornröschenschlaf halten. Die Phantastik entspringt weniger einer üppigen Einbildungskraft oder außergewöhnlichem Erfindungsreichtum, liegt vielmehr im Atmosphärischen, Alltäglichen. Architektonische Motive überwiegen, und selbst über den nüchternen staubtrocken gezeichneten Veduten eines L.C.Hartmanns liegt noch ein Hauch pittura metafisica und Melancholie.

Anders bei den abstrakten Gespinsten endlos mäandernder Linien eines Eckert, die an orientalische Kalligrafien erinnern und wo erst auf den zweiten Blick, wie in einem Vexierbild, auf einem Blatt das Olympia Stadion erscheint. Bei Carl Bianca und Jonas popt’s dann doch noch ein bisschen, zeigen sie Bein, Busen, Radierung ohne Titel und UrheberMinirock und Plateauschuhe, verfängt sich die Apollo- Rakete in der Stuckkulisse des Ackermannschen Vorstadttheaters. Klaus Fußmann hackt, kratzt und strichelt schwungvoll Atelierecken samt undefiniertem Gerümpel auf die Platte. Ein oder eine Paul versenkt sich und den Betrachter auf mehreren kleinformatigen Blättern kontemplativ in die Ansicht eines Vertikos. Köchler erkundet in einer Serie von noch nicht einmal handgroßer Platten aus verschiedenen Blickwinkeln die Geislerstraße. Das sind stille, bescheiden daher kommende Arbeiten wie sie so, oder ähnlich auch heute wieder von jüngeren Künstlern in der Werkstatt zu sehen sind, wie auch Valeska Zabel, die heutige Leiterin derselben bestätigt. Und so ist auch die Frage nach der Aktualität der gezeigten Arbeiten von den Schaffenden selbst, ohne dass sie darum wissen müssen, auf die ihnen gemäße Weise beantwortet. Anders gesagt: "Indessen drehen sich die menschlichen Bemühungen in einem beständigen Zirkel und kommen wieder auf einen Punkt, wo sie schon einmal gewesen sein; als denn können Materialien, die jetzt im Staube liegen, vielleicht zu einem herrlichen Baue verarbeitet werden."(Kant)" Fortschritt gibt es nur im Felde des letztlich für die menschliche Existenz Belanglosen." (Heidegger) "Das Gute, das absolut Gute, vollbringt sich ewig in der Welt, und das Resultat ist, dass es schon an und für sich vollbracht ist und nicht erst auf uns zu warten braucht. Diese Täuschung ist es in der wir leben, und zugleich ist dieselbe allein das Betätigende, worauf das Interesse in der Welt beruht." (Hegel) "Die Kunst ist eben deswegen dem Philosophen das Höchste, weil sie ihm das Allerheiligste gleichsam Öffnet, wo in ewiger und ursprünglicher Vereinigung gleichsam in einer Flamme brennt, was in der Natur und Geschichte gesondert ist, und was im Leben und Handeln ebenso wie im Denken ewig sich fliehen muss." (Schelling)

Ein schöneres Kompliment, welches eben darum einen ziemlichen Anspruch beinhaltet, kann man der Kunst eigentlich nicht machen. Deswegen, zurück zur Idee in ihrer sinnlichen Gestalt, überzeugen sie sich selbst, die Druckwerkstatt freut sich auf ihren Besuch.

Und: "Wer Augen hat zu sehen, der sehe! Wer keine Augen hat, der sehe Augen!" lautet die letzte der sieben Blalla-Weisheiten der letzten Tage. Dessen, (W.Hallmanns) Radierungen aus den 60er Jahren hätten sich in ihrer, nun allerdings überschäumenden Skurrilität und Phantastik auch gut in die Ausstellung gefügt. Aber so ist es mit einer Ausstellung aus dem Archiv, die Auswahl ist immer etwas zufällig, weil beschränkt auf die Künstler die Spuren darin hinterlassen haben.

Reinhard Scheibner (Aushilfs-Archivarius), Berlin 3.11.2008   www.bbk-kulturwerk.de

Künstlerliste:

1. Peter Ackermann
2. Carl Bianca
3. Uwe Bremer
4. Horst Drechsel
5. Eckert
6. Jan Huber
7. M. Hartmann
8. L. Haufe
9. Hartmut Friedrich
10. Klaus Fußmann
11. Jonas
12. Köchler
13. Michael Keit
14. KHB
15. Susan Miller
16. Paul
17. H. Vogt
18. Ch.Winter
19. Unbekannt
20. Unbekannt
21. Unbekannt
22: Unbekannt
23. Unbekannt

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