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Naomi T. Salmon | NO!art involvement <<< | >>>
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re-orientation

Kunst zu Mittelasien

ACC Galerie Weimar 13.07.2002 - 01.09.2002

Mit der diesjährigen Sommerausstellung des ACC Weimar wird Neu- beziehungsweise Wieder-Orientierung gleich im doppelten Sinne präsentiert. Einmal haben sich einige Menschen aus Ostdeutschland nach der über zehn Jahre zurück liegenden "Wende" Richtung Westen dazu entschlossen, nun wieder einmal ganz weit in den Osten zu blicken. Dabei sind sie - und hier liegt nun die zweite Bedeutung der "re-orientation" - auf eine Region gestoßen, in der teilweise eine ganz andere "Wende" vonstatten gegangen war, nämlich eine Rückkehr zu alten Traditionen ganz unterschiedlicher Art. Die wörtliche Bedeutung von "sich orientieren", nämlich "sich nach dem Orient wenden", ist nur eine davon. Nicht wenige Menschen in den fünf betrachteten ehemaligen Sowjetrepubliken Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan haben sich wieder mehr der islamischen Religion zugewandt, eine Tatsache, durch die diesen in Europa bisher kaum bekannten Ländern seit dem Herbst 2001 immer mehr Interesse entgegen gebracht wird. Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten jedoch ermöglichen dem Betrachter noch weit mehr Einblicke in die Veränderungen, die sich in jenen Vielvölkerstaaten vollzogen haben und noch immer vollziehen. Obgleich die meisten Beiträge soziokulturelle Hintergründe verarbeiten, ist hier nicht versucht worden, ein komplettes Bild zu zeichnen, sondern es stehen einzelne Menschen im Mittelpunkt, die oft sehr persönlich ihre eigene Position zur aktuellen politischen Lage, ihre familiären Wurzeln, aber auch intime Gedanken und persönliche Vorlieben darstellen - nicht selten geschieht dies verspielt und mit einer angenehmen Portion (Selbst-)Ironie.

Der Ausstellung war im Oktober 2001 ein internationales Symposium vorangegangen. Sieben Fachleute stellten dort verschiedene Themen zur politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Situation in zentralasiatischen Republiken vor. Die Texte der Vorträge sind in dem vom ACC herausgegebenen Katalog nachzulesen. Dieser mit 300 Seiten und ebenso vielen Abbildungen sehr umfangreiche Katalog ist in zwei Sprachen, deutsch und englisch, abgefasst und sehr angenehm zu lesen. In Tagebuchform werden der dreiwöchige Internationale Moving Workshop 'Non Asian Silkway. Asian Extrem.', der in Almaty/ Kasachstan begann, beschrieben und gleichzeitig alle zwanzig Künstler ausführlich besprochen. Die seit 1993 für den ACC Weimar e.V. Tätige freiberufliche Kuratorin, Autorin und Projektmanagerin Andrea Dietrich war im vergangenen April zusammen mit der Fotografin Naomi Tereza Salmon, die sich bei der Gelegenheit auf die Suche nach Spuren ihrer jüdischen Vorfahren in Buchara machen konnte, zu dem Wander-Workshop geflogen, an dem auch andere Künstler und Kuratoren aus ganz Europa teilnahmen. Initiiert wurde er von Julia Sorokina, der Betreiberin eines Künstlernetzwerks vornehmlich in Kasachstan, die Frau Dietrich fast zufällig über das Internet kennen gelernt hatte.

Zur Eröffnung der Weimarer Exposition am 12. Juli 2002 waren die meisten Künstler anwesend. Ihre Arbeiten umfassen verschiedenste zeitgenössische Ausdrucksmedien von Video und Fotografie über Skulpturen und Objektkunst bis hin zu Zeichnungen und Malerei.

Am Beginn der Schau wird der Besucher in einem Vorraum per Video von Naomi Tereza Salmon mit "Ok Yo'l!", usbekisch für "Weißer Weg" begrüßt, dem traditionellen Ruf, mit dem man den Karawanen der Seidenstraße eine gute Reise wünschte, während man ihnen einen Kübel Wasser vor die Füße schüttete - dies braucht der Ausstellungsbesucher jedoch nicht hautnah zu erleben. Angesichts der im folgenden gezeigten bewegenden Werke hätte er es aber wahrscheinlich verschmerzen können.

Der erste Schock, der sofort nach dem Segenswunsch im ersten Raum der Galerie eintritt, wurde durch den selbst inszenierten Tod des Künstlers Sergey Maslow ausgelöst: gefälschte Korrespondenz mit dem amerikanischen Popstar Whitney Houston sowie ein Traumbild der beiden in Adam- und Eva-Kostümen, durch nichts übertroffen als einen Zeitungsausschnitt mit einem Portrait im Sarg lassen den übersteigerten Liebeskummer des Künstlers erahnen, der Ende April 2002 fatalerweise tatsächlich den Tod fand.

Von dieser Geschichte noch betroffen, erlebt der Rezipient weitere, oft ähnlich persönliche Beiträge, teils tragisch, teils spielerisch-amüsant. Die Wandermalerin Antje Schiffers beispielsweise stellt ihr Projekt "bin in der Steppe" vor, die Planung einer Reise in die Steppen Mittelasiens, wo sie gegen Kost und Logis für ihre Gastgeber Bilder malen würde. Beim Durchlesen des Vorhabens dringen lockend orientalische Klänge an das Ohr des Besuchers, so dass es ihn trotz der Faszination, die jenes Abenteuer bietet, weiter zum nächsten Beitrag zieht. Dort erwartet ihn dann das poetische, in Schwarz-Weiß-wackliger Stummfilmästhetik konzipierte Video einer Teezeremonie.

Aufhänger der Ausstellung sind neben aller Intimität, die sie bietet, dennoch soziokulturelle und politische Aspekte; wichtig sind hier vor allem die Künstler Shukrat Babadjan, AES und Yerbossyn Meldibekov. Der im Prager Exil lebende Künstler und Journalist Babadjan gilt schon lange als kritische Stimme in seiner Heimat Usbekistan und arbeitet heute bei Radio Free Europe, einer Station, die auch in seiner Muttersprache sendet. Aus seiner Serie "War as a new ornamentation on the oriental carpet" werden in Weimar zwei Gemälde gezeigt. Der Titel spricht für sich - als Ornamente auf den afghanisch oder usbekisch wirkenden Wandbehängen finden sich hier neben traditionellen Gazellen und Pflanzenformen auch Kalaschnikows, Panzer, Soldaten und Kriegsflugzeuge.

Die russisch-jüdische Künstlergruppe AES ist mit ihrem provozierenden "Islamic Project" schon länger bekannt. Wer kennt nicht - spätestens durch das gesteigerte Medieninteresse seit dem letzten Herbst - die Bilder von der verschleierten Freiheitsstatue oder die in eine Moschee verwandelte Oper von Sydney? für die Weimarer Schau sind nun sogar uns noch viel nähere Objekte, nämlich das Bauhaus in Dessau, die Wartburg und der Erfurter Dom "islamisiert" worden. Dieser äußerst intelligente, psychologisch wertvolle Beitrag zur Beseitigung krankhafter ängste vor vermeintlich Fremdem erfreut sich großer Beliebtheit und wird den Ausstellungsbesuchern sicher lange im Gedächtnis bleiben. Genauso einprägsam, da brutal und erschütternd, ist die ebenfalls sehr tiefsinnige Arbeit "Pastan, I am." von Meldibekov. Er wird hier in einem Video fortwährend ins Gesicht geschlagen und dabei in altem Mongolisch verflucht - ein Zeichen für die Schwäche und Willenlosigkeit vieler Menschen der Region, in der sich jahrhundertelang die verschiedensten Herrscherdynastien, deren grundlegende Gemeinsamkeit die Unterdrückung der Bevölkerung war, mit ihren diversen Ideologien ablösten.

Zwischen den teilweise traurigen, erschreckenden, in jedem Fall aber zum Nachdenken anregenden sozialkritischen Werken wurden von der Kuratorin geschickt auch leichter verdauliche Beiträge eingebaut, deren künstlerischer Wert damit jedoch nicht geringer ist. Am unterhaltsamsten dabei war "The Art and the Fly" von Elena und Victor Vorobyev. Mittels Video, Gedicht und Zeichnungen mit "Fleischeinlage" wird hier sehr gegenständlich die alltägliche Plage des Künstlers durch die widerlichen Brummer demonstriert.

Emotional bewegend und konkret sprechen die gezeigten Werke allesamt für sich; zum tieferen Verständnis hilft sowohl der Katalog als auch die ausführliche Ausstellungsinformation, die der Besucher in der Galerie erhält.

Die "re-orientation" endete bedauerlicherweise bereits am 01. September und konnte nicht verlängert werden. Mit dieser Ausstellung wurde ein besonders wertvolles Projekt realisiert, dessen Nachahmung sich weltoffene Rezipienten nur wünschen können.

ACC Galerie Weimar, Burgplatz 1+2, D-99423 Weimar
Tel: 03643-851261, E-mail: info@acc-weimar.de
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