zum NO!art-Menü  NO!art NEWS + KÜNSTLER + ÜBER UNS + BLAF MANIPULATION + MAIL Überblick  ZURÜCK ZUR ÜBERSICHT
Naomi T. Salmon | NO!art involvement <<< | >>>
Rezension Suche und finde im NO!art-Archiv

DIE LAGER

Bildgedächtnis der Nazi-Konzentrations- und Vernichtungslager (1933-1999)

Fotomuseum Winterthur, 07. April bis 03. Juni 2001

Die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager hinterlassen in der Erinnerung in der Regel ein wirres oder stereotypes Bild: eine Anhäufung dürrer Menschenleiber, ein abgezehrtes Gesicht mit unergründlichem Blick, Stacheldraht-zäune oder ein Wachturm. Das Ganze als Teil eines riesigen, doch undeutlich umrissenen ikonographischen Vokabulars.

Genaugenommen herrscht über dieses Thema allergrösste Verwirrung: die trügerischen Bilder der Nazipropaganda werden unbekümmert vermengt mit Aufnahmen von der Befreiung der Lager, die ihrerseits in die Nähe heutiger Bilder von den zu Gedenkstätten oder Museen umgewandelten Lagern geraten. Noch problematischer ist, dass diese Bilder zumeist ohne irgendwelche genauen Angaben publiziert werden – gleichsam wie eine Art Ikonen des Grauens. Heute erscheint der Versuch möglich, diese Ikonographie mit zugleich kritischem und analytischem Blick zu betrachten. Wenn man weiß, dass die Mehrzahl unserer Zeitgenossen mit diesem Geschehen zumeist erstmals aus dem Blickwinkel dieser Bilder konfrontiert wird, müssen sie einer historischen Überprüfung unterzogen werden.

während die Übrigen Darstellungsformen (Malerei, Bildhauerei, Film, Literatur usw.) bereits Gegenstand gründlicher Untersuchungen geworden sind, bleiben die Beziehungen zwischen der Fotografie und der Welt der Konzentrationslager weitgehend unerforscht. Zwar wurden Artikel über die Fotografie der Nazis veröffentlicht, ein paar Bücher über die fotografische Darstellung der Befreiung der Lager oder auch Werke über die Erinnerungsarbeit der zeitgenössischen Fotografen, indes existiert keine Synthese, die eine spezifische und querschnittartige, exakte und umfassende Analyse dieser Ikonographie bietet. Dieses Ziel streben die Ausstellung Die Lager - Bildgedächtnis der Nazi-Konzentrations- und Vernichtungslager (1933-1999) und das Begleitbuch an.

Einige der in der Ausstellung und im Buch vorgestellten Fotos zeugen von unbeschreiblichen Praktiken. Es ist ein heikles, schmerzliches, bisweilen unerträgliches Material, das oft an der Möglichkeit zweifeln lässt, es überhaupt vorzustellen. Doch das Problem der "Vorzeigbarkeit" kann nicht verdecken, dass diese Bilder existieren und dass sie visuell Zeugnis ablegen.

Das Fotomuseum Winterthur zeigt eine akribische Aufarbeitung der Bilder aus den KZ

7. April bis 3. Juni: Mehr als alles andere machen Bilder unser Gedächtnis aus. Denken wir an den Vietnamkrieg, fallen uns unweigerlich drei Fotos ein: der Polizeipräsident von Südvietnam, der auf offener Strasse einen mutmaßlichen Vietcong exekutiert; das nackte Mädchen und die schreienden Kinder, die dem Napalm-Inferno entkommen sind; der Heli, der vom Dach der amerikanischen Botschaft die letzten Flüchtlinge an Bord hievt. Solche Bilder bleiben im Kopf gespeichert und prägen sich ins Bewusstsein der Menschen ein. Die Bilder vom Holocaust, aus den nationalsozialistischen Vernichtungs- und Konzentrationslagern, liegen zeitlich weiter zurück. Wir kennen sie aus den Geschichtsbüchern: Baracken, Drahtverhaue, Krematorien, Leichenberge sind die immer wiederkehrenden Motive. Die ersten Bilder dieser Art, die ich bewusst wahrnahm, sah ich im Kino, im Dokumentarfilm "Mein Kampf" von Erwin Leiser. Es muss 1961 oder 1962 gewesen sein, und ich war auf dem Wege, erwachsen zu werden. Noch heute spüre ich fast körperlich das Entsetzen, das mich beim Anblick dieser Szenen packte: Wie hatten Menschen Menschen so etwas antun können? "Die schrecklichsten Aufnahmen, die jemals gemacht wurden", nannte der amerikanische Verleger Joseph Pulitzer die Fotos, die nach der Befreiung der KZ von Militär- und Pressefotografen aufgenommen wurden, und diese Einschätzung ist noch heute richtig. Unrichtig sind indes oft Einordnung und Interpretation. Auf einem Foto aus Bergen-Belsen schiebt ein Bulldozer ausgemergelte Leichen in eine Grube. Dieses Bild galt vielen Betrachtern als Symbolbild für den industriellen Tod, für die organisierte Ermordung von Menschen durch die Nazis. Doch es zeigt in Wirklichkeit etwas ganz anderes: So begruben die Alliierten nach der Befreiung des KZ im April 1945 die Leichen der Häftlinge, um eine drohende Epidemie zu verhüten. "So ist das, was das Bild dokumentiert, das Gegenteil dessen, was es symbolisiert", schreibt Clément Chéroux zu diesem Beispiel. Der Pariser Fotohistoriker hat die Ausstellung "Die Lager - Bildgedächtnis der Nazi-Konzentrations- und Vernichtungslager" gestaltet, die jetzt aus Frankreich ins Fotomuseum Winterthur kommt. Sie umfasst Bilder aus dem Zeitraum von 1933 bis 1999, und zwar Bilder aus allen zugänglichen Quellen, von den authentischen Dokumenten bis zu ihrer späteren künstlerischen Gestaltung. Chéroux und seinen Mitarbeitern geht es um mehr als um eine historische Dokumentation - sie erarbeiten und analysieren das "Bildgedächtnis", das, was im Bewusstsein der Menschen bleiben wird. Denn überlebende gibt es nur noch wenige, die Zeitzeugen sterben aus. Bald können nur noch Bilder die schreckliche Realität von damals vermitteln. Entstanden ist eine Ikonografie des Schreckens. Das ist ein betont anderer Zugang, ein viel umfassenderer Anspruch, als ihn eine historische Bilderschau darstellt. Umso wichtiger, die Bilder nach ihrer eigenen Geschichte zu hinterfragen: Wer hat sie gemacht? Unter welchen Bedingungen? Und mit welcher Absicht? Wie unerlässlich solche Klärung ist, zeigen Missverständnisses und Verwirrung, die bei der korrekten Einordnung mancher Bilder entstanden sind. So gilt ein Foto, das jüdische Frauen und Kinder kurz vor ihrer Erschießung durch die ukrainische Polizei zeigt, selbst Geschichtsbüchern als "Gang in die Gaskammer". Propagandafotos der Nazis wurden als historische Dokumente interpretiert, von Fotografen Ästhetisch veredelte Bilder als ungeschminkter Realismus gewertet, zeitlich authentische Fotos wiederum vermischt mit Bildern aus der Nachkriegszeit. Clément Chéroux und seine Mitarbeiter haben in minuziöser Kleinarbeit die Archäologie der Bilder betrieben, eine riesige Bilderflut gesichtet und mit dem Anspruch auf historische Genauigkeit geordnet. Die Nazis dokumentierten und kartografierten die Menschentypen, um die angebliche Überlegenheit der Arier nachzuweisen. Sie führten eine akribische Buchhaltung des Todes. Und sie stellten in ihrer Propaganda die Lager als perfekt funktionierende Erziehungsanstalten dar. Erwin Blumenfeld, Fotograf und Grafiker und als Avantgardist seiner Zeit stets voraus, war möglicherweise der Erste, der schon 1933 die heraufziehende organisierte Katastrophe Künstlerisch voraussah: in einem Selbstbildnis, angereichert mit Hakenkreuz und Tränen, und mit dem Titel: "Mit den besten Grüßen in Gedanken an die Konzentrationslager". In Buchenwald porträtierte die Fotoreporterin Margaret Bourke-White im April 1945 eine Gruppe von überlebenden hinter Stacheldraht - ein Bild von so hoher Ästhetischer Perfektion, dass es wie eine Inszenierung wirkt, wie ein Szenenbild aus einem späteren Spielfilm über ein KZ, und in eine fragwürdige Idyllisierung umschlägt. Das Foto, weltweit nachgedruckt, gilt besonders in den USA als eines der berühmtesten Bilder zum Thema. "Mit der Kamera zu arbeiten bedeutete eine Erlösung", erinnerte sich die Fotografin später in ihrer Autobiografie, "weil sich damit etwas wie eine schwache Schranke zwischen mich und das Entsetzen schob." Die Lager von einst sind zu Gedenkstätten und Museen geworden. Das Thema Holocaust hat auch Nachgeborene zur künstlerischen Gestaltung gedrängt. Fotograf Michael Kenna transportiert diese Welt der Erinnerungen in seinen strengen, perfekt gestalteten Schwarzweissfotos. Die in Deutschland lebende israelische Fotografin Naomi Tereza Salmon dokumentierte im Auftrag der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Relikte von Opfern - und ließ sich von ihnen zu einer künstlerischen Arbeit mit dem Titel "Asservate" inspirieren. Jeffrey A. Wolin porträtierte mehrere überlebende des Holocaust, mit ihrer Matrikelnummer, einem historischen Familienfoto und ihrer auf die Fotografie geschriebenen Lebensgeschichte. Das alles sind Versuche, die Erinnerung an die Massenvernichtung zu bewahren. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt der Holocaust - und ebenso seine bildliche Wiedergabe und Rezeption - ein Ereignis von unfassbarer Dimension, das die Menschen immer wieder beschäftigt. Steven Spielberg hat in seinem Film "Schindlers Liste" die Historie nachgestellt, Claude Lanzmann in seinem Monumentalwerk "Shoah" eine konträre Position gewählt und die bildliche Dokumentation durch historische Zeugenschaft ersetzt. Um das Berliner Holocaust-Mahnmal entbrannte ein endloser Streit, und die Skulptur "Shoah" des Schweizer Bildhauers Schang Hutter provozierte starke Reaktionen. Die umstrittene Wehrmachtsausstellung sorgte für Kontroversen, Martin Walsers Friedenspreisrede ("Von den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern habe ich bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut") für einen Skandal. Die Frage lässt uns keine Ruhe: Wie hatten Menschen Menschen so etwas antun können? Sie ist nur in Annäherungen zu beantworten. Aber das Fragen muss bleiben. Auch wenn es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird. Der Frankfurter Historiker Hanno Loewy fasst diese Spannung in einem Satz zusammen: "Der Holocaust entzieht sich unserer Fähigkeit zu erinnern und fordert zugleich die historische Erinnerung heraus wie kein anderes Ereignis der Geschichte." Das Bildgedächtnis ist dazu ein ganz wesentlicher Beitrag. Im Wort steckt beides: Erinnern und Gedenken. (Roger Anderegg)

Geöffnet: Di bis Fr 12:00 bis 18:00 Uhr, So 11:00 bis 17:00 Uhr
Fotomuseum Winterthur, Grützenstrasse 44, CH-8400 Winterthur
Tel.: 0041-52/2336086 Fax: 2336097 fotomuseum@fotomuseum.ch
http://www.fotomuseum.ch

© www.no-art.info/salmon/presse/2001_winterthur.html