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Naomi T. Salmon | NO!art involvement <<< | >>>
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KLEINSTDENKMÄLER

von Kersten Brandt, 1999

Publiziert in: Newsletter – Informationen des Fritz Bauer Instituts · Nr. 17 · Herbst 1999

Eine Blechdose mit der Aufschrift „Pure Holyland Air" oder eine Flasche mit „Jordan River Water" gehören zu den Gegenständen, die jeder Israel-Reisende sofort als Souvenir erkennen würde. Solche Dinge erwirbt man im Andenkenshop oder am Flughafen. Einen Teebeutel aus einem Emigrantencafé oder ein Streichholzbriefchen nimmt man eher beiläufig einmal als Andenken mit. Eine Schachtel „Gefillte Fisch" oder eine Glühbirne mit Magen David – dem Davidstern – sind Alltagsgegenstände.

Insgesamt 150 solcher „Souvenirs" hat Naomi Tereza Salmon während eines zweijährigen künstlerischen Fotoprojekts mit der Kamera gesammelt. Typische Andenken, aber auch Dinge des Alltags. Unscheinbares und Kurzlebiges wie Kugelschreiber und eine Packung Dekorationsfähnchen, aber auch eine Mesusa und Gebetsketten. Kurioses befindet sich darunter, wie z. B. eine Schneekugel mit einem Miniaturmodell vom Gebirgsmassiv Massada, aber auch Dinge, die auf Zeithistorisches verweisen, wie eine Telefonkarte mit einem Foto der Verhandlungen von Camp David oder auf aktuelle Spannungen wie eine Cassette mit Intifada-Musik. Unter dem Titel „Black Box" wurden die Fotografien als Ausstellung im jüdischen Museum Hohenems gezeigt.

Ein Teil der Bilder ist für das pädagogische Begleitmaterial ausgewählt worden. Die „Souvenir Israel Box" enthält 32 Karten im Format 15x15cm mit jeweils einem Farbfoto. Die ansprechende Präsentation animiert dazu, die Bilder auszubreiten, genau anzusehen, Geschichten zu ihnen zu erfinden. Man möchte die Dinge anfassen, umdrehen und von allen Seiten betrachten. Die Symbole, israelische Nationalflagge, Jesuskopf, Friedenstaube, sind auf den ersten Blick zu erkennen. Die Funktion vieler Gegenstände erschließt sich dagegen nicht spontan – daß es sich bei dem viereckigen Ding mit einer Portion Falafel um einen Magneten handelt, erfährt man aus dem beiliegenden Heftchen, in dem für jedes Souvenir ein Steckbrief abgedruckt ist. Die Bildbeschreibungen informieren über den Fundort, und die Aufschrift der Gegenstände und die Symbole werden erklärt. Literaturtips und Hinweise auf israelische Internetseiten machen den Zugang zu weiterführender Lektüre leicht. Zudem enthält die Box ein Heftchen mit Artikeln aus israelischen Zeitungen, die über die Gegenstände eine Annäherung an den israelischen Alltag ermöglichen. Zur Verwendung der Souvenir-Box im Unterricht werden mehrere Vorschläge gemacht, die die Reflexion von Selbst- und Fremdbildern, die sich in den fotografierten Gegenständen widerspiegeln, anregen sollen. Der Einstieg über die Souvenirs ist interessant, setzt aber sehr viel Wissen voraus.

Zudem haben sich die Autoren auf eine „landeskundliche" Unterrichtseinheit festgelegt. Die Symbole werden als Träger des nationalen und sozialen Gedächtnisses gedeutet und im israelischen Alltag verortet. Damit führt die vorgeschlagene Interpretation weg von den Dingen, und nicht zu ihnen hin.

Daß diese Souvenirs aber vielschichtiger sind, besagt schon der Titel der Ausstellung „Black Box", aus dem in der abgedruckten Präsentation eine „Souvenir Israel Box" geworden ist. Souvenirs repräsentieren nicht nur Anteile eines kollektiven Gedächtnisses, sondern sind auch etwas sehr Persönliches. Es sind individuelle Kleinstdenkmäler, die der persönlichen Spurensicherung dienen. Die Sichtweise der Fotografin Naomi Tereza Salmon und ihr persönlicher Bezug zu den Gegenständen sowie die Tatsache, daß es sich um ein Kunstwerk handelt, sind in den Materialien und Unterrichtsvorschlägen nicht berücksichtigt worden. Damit bleibt die „Black-Box", der Bereich, in dem sich soziales und individuelles Gedächtnis überschneiden bzw. in dem das kollektive und nationale Gedächtnis in das persönliche überführt wird, im Dunkeln.

Österreichisches Bundesministerium für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten, Abteilung Politische Bildung (Hg.): Souvenir Israel Box. 32 Fotografien mit Anregungen und Materialien für den Schulgebrauch. - Zu beziehen über den Herausgeber und das jüdische Museum Hohenems. Hohenems 1999, ATS 365,–

aus: Newsletter – Informationen des Fritz Bauer Instituts · Nr. 17 · Herbst 1999
copyright: © Fritz Bauer Institut und der Autor

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