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Naomi T. Salmon | NO!art involvement <<< | >>>
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ASSERVATE — AUSCHWITZ, BUCHENWALD, YAD VASHEM

Referat von Peter Gstettner anlässlich der Ausstellungseröffnung
von Naomi Tereza Salmon am 8. Mai 1996 in Ebensee

in: Zeitschrift des Zeitgeschichtemuseums Ebensee, Nr. 33, September 1996

"Asservate" heißt: "Fundsachen, vom Tatort eines Verbrechens; Gegenstände, in amtlicher Verwahrung; sichergestelltes Material", Asservate, dieses lateinische Wort im Plural, klang für mich zunächst fremd, unbekannt, fast ehrerbietig, wissenschaftlich-steril; die dazugehörige Wissenschaft heißt vermutlich Kriminologie oder forensische Psychologie, die Wissenschaft vom Auffinden, Sichern und Deuten von Spuren. Der lateinische Name scheint wie in der Botanik oder Medizin – für Seriosität zu stehen, für wissenschaftlich exakte Tatsachen; und er hat wahrscheinlich etwas mit der amtlichen Registrierung und Katalogisierung zu tun, mit der Aufbewahrung bis zur Verjährung des Verbrechens bzw. mit der Aufbewahrung für alle Zeiten, denn für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit gibt es keine Verjährung.

Die archivierten Gegenstände sind Fundsachen; wir wissen nicht, wer sie gefunden hat und wem sie einmal gehört haben; wir wissen nicht, wer wen beraubt hat, wer dadurch einen Verlust erlitten hat oder gar gequält wurde; wir wissen nicht, wer wen mit diesen Gegenständen gedemütigt und gefoltert hat. Wir wissen aber etwas über die Orte, wo diese Gegenstände gefunden wurden und/oder wo sie aufbewahrt werden. Im Ausstellungstitel sind die Orte genannt: "Auschwitz und Buchenwald", zwei Tat-Orte, an denen sich die militärische Elite des deutschen Volkes des millionenfachen Verbrechens schuldig gemacht hat. Auschwitz und Buchenwald, zwei Tat-Orte "nur", aber durchaus repräsentativ für die zahllosen Konzentrationslager, mit denen Nazi-Deutschland Europa übersät hat. Zwei Tat-Orte, die für ein Terror- und Vernichtungssystem stehen, an dessen Erklärung und Verstehenwollen bisher alle psychologischen, soziologischen und historischen Theorien gescheitert sind.

Auschwitz, der Name steht für den Ort jenes einzigartigen Verbrechens, das bisher weder "gesunder Menschenverstand" noch wissenschaftliche Analyse restlos ergründen konnte.

Wie Auschwitz möglich war, warum die Konzentrations- und Vernichtungslager in einer Art "vollendeter Sinnlosigkeit" (Hannah Arendt) zur massenhaften Ausrottung von Menschen gebaut wurden, bleibt letztlich rätselhaft. Hannah Arendt schreibt, dass die Tatsache des planmäßigen Massenmordes an den Europäischen Juden die Wissenschaften vom menschlichen Verhalten eigentlich zwingen müsste, ihre bislang nicht in Frage gestellten Grundannahmen über den Lauf der Welt, über die Rationalität menschlichen Handelns, über Motive, Ideologien und Massenbeeinflussung von Grund auf neu zu überdenken.

Die Wissenschaften haben bisher dieses grundlegende Neudenken ihrer eigenen Prämissen noch kaum vollzogen. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen, haben die Wissenschaften, auch die historischen und psychologischen Wissenschaften, weitergestrickt am Netz der Ideologieproduktion, an der Tatsachenverschleierung, an der Unkenntlichmachung der Tat-Orte und am Vergessenmachen der dort geschehenen Verbrechen. Der Appell von Hannah Arendt richtet sich daher auch an uns, an uns Wissenschafter von der Universität, an uns Geschichtsforscher und Pädagogen hier in Kärnten. Denn, so frage ich, wo wird in diesem Land historische Aufklärung über die Nazizeit betrieben? Wo befindet sich eine Dokumentation über die Verbrechen der Kärntner SS und der Wehrmachtssoldaten in Hitlers Diensten, der Verbrechen der Kärntner SA oder der GESTAPO?

Asservate, gefunden und aufbewahrt in Auschwitz und Buchenwald, an zwei von vielen Orten, an denen sich der Zusammenbruch der Zivilisation, der absolute menschliche Alptraum vollzog. Viele Tat-Orte können genannt werden, an denen SS-Schergen die mörderischen Geschäfte der Nazi-Reichsführung ausführten, und an denen sie Spuren hinterließen, obwohl sie nach ihren Verbrechen alle Spuren zu beseitigen suchten. Nicht nur in Auschwitz und Buchenwald, auch an vielen anderen Tatorten wurden Spuren und Materialreste, Gerätschaften und Fundamente sichergestellt, die alle in irgend einer Weise auf die dort stattgefundenen Verbrechen hinweisen. Die große Öffentliche Dokumentation aber, die auch die Chronologie der Ereignisse transparent machen würde, fehlt in diesem Lande, ebenso wie der aufgeklärte historische Diskurs über die Nazizeit in Kärnten fehlt. Die Öffentliche Dokumentation gibt es in bezug auf den sogenannten Abwehrkampf von 1918-1919 z.B. im Museum in Völkermarkt und in zahlreichen Publikationen des Landesarchivs.

Aber: Wo ist eine gleichwertige Dokumentation über den antinazistischen Widerstandskampf, wo sind die Asservate aufbewahrt, wo sind die Gedächtnisstätten für die Nazi-Opfer in Kärnten? Ich erinnere in diesem Zusammenhang beispielsweise an die Verbrechen vom 25. April 1945. An diesem Tag verübten deutsche (oder Österreichische) SS- und Polizeieinheiten in Süd-Kärnten ein Massaker an der Zivilbevölkerung. An diesem Tag wurden 11 Mitglieder der am Persmanhof bei Eisenkappl ansässigen Familie Sadovnik umgebracht und der Bauernhof niedergebrannt. Die Opfer waren Kärntner Slowenen, die der Unterstützung von Partisanen verdächtigt wurden. Das jüngste der 7 dabei ermordeten Kinder war noch kein Jahr alt. Dass der Säugling wohl keine Partisanen unterstützt haben konnte, wurde nie in Erwägung gezogen. Die Täter wurden nie ausgeforscht und mussten sich folglich bis heute vor keinem Gericht verantworten. Asservate wurden keine sichergestellt. Der Mantel des Schweigens wurde von Behörden und Öffentlichkeit über die schreckliche Tat gebreitet. Und wieder konnte ein "dunkles Kapitel" aus der offiziellen Kärntner Geschichtsschreibung gestrichen werden. Die Dokumentation des Verbrechens und das Gedenken an die Opfer wurden den "Betroffenen" überlassen, welche es dort pflegen, wo die Tätergeneration niemals ihren Fuß hinsetzen wird am Tatort selbst, am wiederaufgebauten Persmanhof, wo die Kärntner Partisanen nach 1945 ein "Widerstandsmuseum" eingerichtet haben. Seither ist der Persmanhof, mehr denn je, ein tabuisierter Ort für Kärntner Politiker und Geschichtsschreiber.

Allerdings wird noch an einem anderen Ort an das Massaker vom Persmanhof erinnert, und dieser Ort ist für die meisten Kärntner ebenso "unzugänglich" wie der Tat-Ort selbst: In der Österreichischen Abteilung des Widerstandsmuseums in Auschwitz /Oswiecim werden Dokumentarfotos vom Partisanenkampf und vom Verbrechen am Persmanhof gezeigt. Als wir im Wintersemester 1995/ 96 mit unseren Studentinnen Auschwitz-Birkenau besuchten und durch das Museum geführt wurden, waren diese Fotos – im fernen Polen – für viele unserer Kärntner Studentinnen ihre erste "Begegnung" mit diesem "heimischen"NS-Verbrechen am Persmanhof.

Weil alle NS-Verbrechen so lange her sind, und weil wir in Österreich weder sachkundige Spurensucher noch willige Sammler und Aufbewahrer von Asservaten sind, weil wir ein sehr schlampiges Verhältnis zur Kriminalistik in bezug auf die Nazi-Zeit haben (worüber Simon Wiesenthai mehrere Bücher geschrieben hat), muss an dieser Stelle auch an die vielen anderen Tat- und Fundorte von Naziverbrechen in Österreich erinnert werden. Das große und zentrale KZ Mauthausen in Ober-Österreich, das 1938 nahe eines Steinbruchs eingerichtet wurde und das als "Lager der Stufe 111" im KZ Kosmos des Nazi-Reiches bald ebenso berüchtigt war wie Auschwitz, ist noch hinlänglich bekannt. Die vielen Nebenlager von Mauthausen, die manchmal nur kurze Zeit und mit geringer Belegung existiert haben, die dennoch in ihrer tödlichen Konsequenz vollwertige KZ waren, sind kaum und gar nicht bekannt. Aus diesem Grund sollen die KZ-Verbrechensorte in Österreich einmal vollständig beim Namen genannt und in Erinnerung gerufen werden.

Die 49 Nebenlager des KZ-Mauthausen befanden sich in

Ort Lagerart Häftlingshöchststand

Amstetten

Bahnbau

2.966 

Amstetten (Frauen)

Bahnbau

500

Bretstein

SS-Gut

etwa 80

Dippoldsau

Kraftwerksbau

etwa 130

Ebensee

Stollenbau, Rüstung

18.437

Eisenerz

Erzbergabbau

400

Grein

Rüstung

120

Großraming

Kraftwerksbau

1.013 

Gunskirchen

Sammellager

15.000

Gusen I

Steinbrüche und Rüstung

11.480

Gusen II

Stollenbau und Rüstung

12.537

Gusen III

Ziegelwerk

274

Hirtenberg (Frauen)

Patronenfabrik

459

Hinterbrühl

Flugzeugbau

etwa 1.800

Lenzing (Frauen)

Textilbetrieb

565

Schloß Lind

SS-Gut

20

Linz I

rüstung

790

Linz II

Luftschutzbunkerbauten

Linz III

rüstung

5.615 

Loiblpaß, 2 Lager

Straßen- und Tunnelbau

1.294 

Melk

Stollenbau für Rüstungsbetriebe

10.314

Schloss Mittersill (Frauen)

SS-Forschung

15

Passau

Rüstung

83

Passau II

Rüstung

333

Peggau

Rüstung

888

Leibnitz

Rüstung

655

Schlier, Redl Zipf

Waffenerzeugung und Geldfälscher

1.488

Saurer-Werke-Wien

Rüstung

1.480

Schönbrunn-Wien

Versuchsanstalt

5

Steyr

Rüstung

1.791 

St. Ägyd/Neuwalde

Rüstung

303

St. Lambrecht

SS-Gut

80

St. Lambrecht

SS-Gut

20

St. Valentin

Panzerbau

1.480

Ternberg

Kraftwerksbau

406

vöcklabruck

Straßenbau

300

Wels 1

Rüstung

1.791

Wiener Neudorf

Flugmotorenwerke

2.954

Wiener Neustadt

Rüstung

etwa 1.000

Schwechat

Flugzeugbau

2.568

Floridsdorf

Rüstung

 

Jedlesee

Rüstung

 

Bachmanning

Sägewerk

20

Enns

Bunkerbau

etwa 2.000

Schiff Mauthausen

Auffanglager

etwa 700

Zeltlager

Auffanglager

etwa 10.000

Schloss Hartheim

"Euthanasieanstalt"

 


Mit dieser schier endlosen Aufzählung von Tat-Orten, an denen das "permanente Sterben" (Hannah Arendt) und Vernichten von Menschen organisiert wurde, soll gezeigt werden, dass (analog zu Auschwitz und Buchenwald) Mauthausen kein Zufall oder Unfall der Geschichte war, sondern eine planmäßig betriebene Todesfabrik, die aus sich heraus eine Vielzahl weiterer Mordbetriebe hervorbrachte. Man kann an Hand dieser Liste auch erahnen, welchen Aufwand an Verdrängung, an Gedächtnisschwund, an Spurenverwischung und Realitätsverleugnung es nach 1945 bedurfte, um all diese Tat- Orte und FundsteIlen unkenntlich und vergessen zu machen.

Dabei sind hier noch längst nicht alle KZ genannt, in denen Österreicher an führender Position, als Lagerkommandanten, als Lagerärzte oder einfach als Schreibtischtäter Menschen versklavt und in den Tod geschickt haben. Ebenfalls nicht genannt sind hier die KZ, die z. B. unter der Oberaufsicht der Kärntner SS-Clique um den Gauleiter Friedrich Rainer und Odilo Globocnik betrieben wurden, Konzentrationslager, die damals im "Reichsgebiet" (wenn auch nicht im heutigen Österreich) lagen, wie z.B. die Konzentrationslager in der sog. Operationszone Adriatisches Küstenland, über das der Kärntner SS-Gauleiter Rainer ab Oktober 1943 als "Hochkommissar" die Macht ausübte. Dies in Erinnerung zu rufen, mag für die Kärntner Geschichtsschreibung schmerzhaft sein. Doch die Blutspur der Kärntner SS führt weit über die Landesgrenzen hinaus, wie z.B. in das KZ "Risiera di san Sabba" von Triest, ein KZ, das nicht nur ein Sammel- und Durchgangslager für Transporte von Juden und Partisanen nach Dachau, Mauthausen und Auschwitz war, sondern ein eigenständiges Arbeits- und Vernichtungslager mit Todeszellen, Mordkommandos und mit einem Krematorium.

Die Ausstellung ASSERVATE führt neben Auschwitz und Buchenwald noch einen dritten Namen im Titel: Yad Vashem. Yad Vashem ist kein Fundort sondern ein Aufbewahrungsort, ein Ort des kollektiven Gedächtnisses der Opfer des Holocaust. Yad Vashem ist ein staatliches Institut in Jerusalem, eine nationale Gedenkstätte, 1953 per Gesetz errichtet "zum Gedenken an die Holocaust Märtyrer und Helden des Widerstandskampfes gegen die Nazis". In Yad Vashem werden alle Dokumente gesammelt und aufbewahrt, die mit den Verbrechen der Nazis in Zusammenhang stehen. Aber auch diejenigen, die den Betroffenen Hilfe und Schutz angedeihen ließen, die unter dem Einsatz ihres Lebens Juden versteckt oder zur Flucht verholfen haben, werden Öffentlich geehrt. Der Widerstandskampf gegen die Nazis in den Ghettos, in den Konzentrationslagern, in den Armeen der Alliierten, in den Partisaneneinheiten wird dokumentiert und der Opfer wird in Form von Denkmälern symbolisch gedacht, wie z.B. in dem Denkmal, das aus 6 großen Granitblöcken und einer Schwertklinge besteht, und vor dem die Inschrift in 5 Sprachen angebracht ist:

"Ruhm den jüdischen Soldaten und Partisanen, die gegen Nazideutschland gekämpft haben".

Als ich diese Inschrift in Yad Vashem las, musste ich zunächst vom Pathos und Heroismus der Sprache abstrahieren, um dann unwillkürlich an Kärnten zu denken, an die 50 Jahre dauernde Weigerung des offiziellen Kärntens, den Widerstandskampf der slowenischen Partisanen gegen die Nazis als "Befreiung" anzuerkennen und zu ehren, an die 50jÄhrige Weigerung, die Opfer der KZ auf Kärntner Boden anzuerkennen und ihrer würdig zu gedenken, an die 50jÄhrige Weigerung, die Tat-Orte zu benennen und die NS-Täter vor ein Gericht zu stellen.

Heute denke ich dabei aber auch an den großen Schmerz, an den wir mit unserer Erinnerungsarbeit rührten: an die Tränen der Empörung – und der Scham einer Studentin, die zu mir kam, als sie im vorigen Jahr zum ersten Mal in der Zeitung lesen musste, in Kärnten, in ihrer Heimat, vor ihrer Haustüre am Loiblpaß hätte es ein KZ gegeben; ich denke an die vor Schreck und Abwehr erstarrten Gesichter unserer Studentinnen angesichts der Vitrinen im Museum von Auschwitz, die voll sind mit abertausenden Koffern, Kleidungsstücken, Schuhen, Prothese, Brillen, Toiletteartikeln, Kindersachen, abgeschnittenen Zöpfen und zu Leintüchern und Stoffen verarbeiteten Menschenhaar; ich denke an die Erschütterung in den Stimmen und an die versagenden Worte, wenn wir uns gegenseitig im Seminar – nach dem Besuch von Auschwitz von unseren Empfindungen dort, von unseren Gesprächen in den Familien, von den biographischen Interviews mit Freunden und von den "Befragungen der Kriegsgeneration" erzählten; der Schlusssatz eines Studenten ist mir so gut in Erinnerung geblieben, dass ich ihn zum Motto des heutigen Referats machte: "Das Grauen dieser Geschehnisse quält, lähmt. Das Erinnern fällt schwer, bedrückt, schmerzt".

Dieser Schmerz des Erinnerns ist ein anderer als der der überlebenden Holocaustopfer, die nicht vergessen können, was ihnen angetan wurde, die sich ständig erinnern müssen und lieber vergessen würden, weil das Vergessenkönnen ihnen Bedingung für das Weiterleben ist (Erinnerungen niederschreiben oder weiterleben, heißt die Alternative für den ehemaligen Buchenwaldhäftling Jorge Semprun). für uns Nachgeborene aus der Tätergeneration, befangen im "Zirkel von Schuld und Gewalt" (Detlev Claussen), geht es darum, zumindest die psychische Anstrengung der Erinnerung auf uns zu nehmen, um ein Konzept von Weiterleben unter humanen gesellschaftlichen Bedingungen entwickeln zu können.

Erinnerung ist ohne intellektuelle Anstrengung nicht möglich, weil es Anstrengung erfordert, gegen emotionale Widerstände, gegen Angst- und Schmerzvermeidung, gegen die "Gnade des Vergessenwollens" zwar anzukämpfen, aber immer so, dass die eigenen Gefühle, zum Beispiel die Schmerzen, spürbar und erlebbar bleiben. Asservate können die Erinnerung auf die Spur der Erkenntnis führen, ohne dass diese Erinnerung die Empfindsamkeit für Schmerzen umgeht oder gar abtötet. Detlev Claussen schreibt, auf irgendeine Art und Weise geht jede Erinnerung auf den epochalen Schmerz von "Auschwitz" zurück und kommt von dort her, weil der Name "Auschwitz" - bewusst oder unbewusst - für die menschliche Grundbefindlichkeit der universalen Angst vor dem totalen Nichts steht. "Auschwitz" steht für das, was uns der Nazi- Faschismus eindringlich gelehrt hat, "dass es Schlimmeres zu fürchten gibt als den Tod...Der Name (Auschwitz) steht für die Ahnung, dass der Einzelne nichts wert ist, dass nichts und niemand ihm zu Hilfe kommt." (Claussen 1994, S. 119)

Dieses Gefühl der totalen Beraubung, auch und vor allem der menschlichen Würde, ist kaum in Worte zu fassen. Die Künstlerin Naomi Tereza Salmon griff vermutlich auch deshalb zum Mittel des Bildes, der fotografischen Moment- und Detailaufnahme. Die Fotos zeigen Gegenstände, die – abstrahiert von ihrem ursprünglichen Verwendungszusammenhang und sozialen Hintergründen – alle an etwas, fast schmerzhaft körperlich, erinnern. Aber woran? Darüber sollten wir beim Betrachten der Asservate nachdenken; ich glaube, wir sollten die intellektuelle Herausforderung der Asservate annehmen und angeleitet von den Fotografien – der angstbesetzten Ahnung nachspüren, wie das war und ob das wieder sein kann, dass der einzelne Mensch nichts wert ist, dass er der Vernichtung preisgegeben ist und dass nichts und niemand ihm zu Hilfe kommt.

Literatur:
— Arendt Hannah: Nach Auschwitz. Essays und Kommentare. Berlin 1989
— Claussen Detlev: Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen
     Antisemitismus. Frankfurt/M, 1994
— Mauthausen Museumsführer, hrsg. von der Österr. Lagergemeinschaft Mauthausen, Wien o. J.
— Semprun Jorge: Schreiben oder Leben. Frankfurt/M. 1995
— Wiesenthal Simon: Recht, nicht Rache. Erinnerungen. Frankfurt und Berlin 1988
© www.no-art.info/salmon/presse/1996_gstettner.html