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Jean-Jacques Lebel | NO!art involvement DE | EN
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LURIES TESTAMENT
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NO!art im Rückblick

Die finsteren Zeiten sind wieder da (1995)

Publiziert in: NO, Katalog, Berlin 1995

In Bosnien, Tschetschenien, Chiapas werden Zivilisten abgeknallt wie die Hasen, in Ruanda mit Macheten abgeschlachtet, in China, Tibet und Algerien wird jeder, der den Mund aufmacht, erschossen. Wir haben ein Zeitalter des Rassismus und des Nationalismus für TV-Junkies, in dem soziale und kulturelle Lobotomie mittels Medienherrschaft als „Consensus" angesehen wird. Das Wort „Entfremdung" ist aus der Mode gekommen (in dem Maße, daß der durchschnittliche Europäische, amerikanische, afrikanische oder asiatische Bürger noch nicht einmal die Bedeutung von Entfremdung verstehen würde). Niemals war die Entfremdung tatsächlich so überwältigend, so effektiv in der Kontrolle über unser aller Leben..

Die Kulturindustrie ist natürlich ein Teil des herrschenden Machtapparates. Wer das leugnet, ist entweder ein Heuchler oder ein Kretin. Nichtsdestotrotz werden wir als Künstler, Dichter. Performer, Schauspieler oder einfach als denkende und unabhängige Bürger beiseite geschoben oder zum Schweigen verurteilt, wenn wir uns weigern, mit oder durch kulturelle Institutionen (Museen, Galerien, Universitäten, Verleger, Theater, Filmproduzenten) zu arbeiten. Die weltweite soziale und ökonomische Krise von heute bringt die fundamentalen Fragen wieder zurück auf die Tagesordnung. Gauguin hatte sie formuliert und der Scheiß-Kunstboom der achtziger Jahre hatte versucht, sie auszuradieren:

„WOHER KOMMEN WIR? WO SIND WIR? WOHIN GEHEN WIR?“

Jene Künstler und/oder Kunstverbrecher, Unternehmer und Spekulanten, die vergessen hatten, daß Kunst das zum Thema hatte (und nicht kommerziellen Erfolg, Kulturpolitik und Hollywood-Glamour), leiden heute an den Auswirkungen ihres eigenen Giftes. Substantiell hat sich nicht viel verändert seit Gaugin: Sind wir Objekte oder Subjekte unserer eigenen Geschichte?.

Einige von uns hatten in den fünfziger und sechziger Jahren das Glück, mit den noch lebenden Dadaisten bzw. Ex-Dadaisten Duchamp, Breton, Peret, Man Ray, Tzara, Ernst, Huelsenbeck und Hausmann befreundet zu sein und gaben niemals den Glauben an künstlerisches Schaffen auf, weil wir durch unsere abweichende Meinung (und nicht durch Einverständnis) angetrieben wurden. Wir brachten es mit Humor (und nicht mit Arroganz) zum Ausdruck. Man konnte daraus indirekt einen positiven Nutzen im sozialen Kontext ziehen. Wir fühlten und fühlen uns noch heute aus der offiziellen Kultur ausgegliedert, wir leisten keinem Land, keiner Kirche und keiner politischen Richtung gegenüber einen Treueeid. Dennoch begreifen wir uns als Teil eines nomadisierenden, internationalen Undergrounds, dessen Existenzberechtigung darin besteht, die Welt mittels Kunst noch einmal zu „erfinden". Keine akademische Kunst – aber dennoch Kunst in Form von Aktion und existentieller Unabhängigkeit; Phonetische Poesie und Happenings waren offensichtlich notwendig nach Artaud und Cage. Eine kleine, aber aktive Minderheit, weder Sklaven des Marktes noch Aussteiger, probierten andere Lebens- und andere Ausdrucksformen und kulturelle Netzwerke nach dem Prinzip der Willensfreiheit aus..

Rückblickend waren nicht alle, aber einige der interessantesten Momente meines Lebens kollektive Erfahrungen: Halluzinogene Abenteuer in Paris mit Ginsberg, Corso, Burroughs im Gît-le-Cœur-Hotel in den späten fünfziger Jahren; der Living Theatre-Trip (nach dem Zusammentreffen mit den Becks in Mailand, bei der Anti-Procès-Show) in New York, Italien und Paris; die kurzen, aber eindrucksvollen Erlebnisse mit Sam Goodman, Stanley Fisher, Ted Joans, Michèlle Stuart und Boris Lurie bei der Hall of Issues-Ausstellung und in der March Gallery in New York, sowie meine dortige Begegnung mit Allan Kaprow (ein guter Freund und Mitarbeiter bis auf den heutigen Tag); die Anti-Procès-Show in Paris, Venedig und Mailand, die gegen den Algerien-Krieg Protest erhob (Bomben explodierten in den Straßen; Armee und faschistische Banden folterten; Leichen von Algeriern, deren Arme mit Stacheldraht auf die Rücken gebunden waren, wurden in die Seine geworfen. Das war das Paris der frühen sechziger Jahre); das 4 x 5 m große, antifaschistische, kollektiv gemalte Bild (mit den Malern Enrico Baj, Erro, Antonio Recalcati, Roberto Crippa und Gianni Dova), das 1960 in der mailändischen Anti-Procès-Show gezeigt wurde (ich wurde inhaftiert und das Gemälde konfisziert und 25 Jahre von der italienischen Polizei einbehalten); die Festivals de la Libre Expression (Happenings, Ausstellungen, Musik, Filme) in Paris; die politische und kulturelle Arbeit der schwarz/roten Anarchistenbewegung vor, während und nach '68; die Woodstock-Erfahrung mit den Hippies und Abbie Hoffman; die Aktionen von Art/Life mit Felix Guattari in Berlin (TUNIX), in Bologna (Indiani Metropolitani) und in Watts, Los Angeles; die vielen Polyphonix-Festivals, die heute in der ganzen Welt stattfinden; alles das als Kontrapunkt zu der sehr privaten und stillen Werkstattarbeit in meinem Atelier..

Ich erinnere mich, daß die New Yorker NO!art-Bande mich sofort freundlich aufnahm. Sie waren voller Verzweiflung (genau wie ich, der ich gerade aus dem algerischen Kriegsgebiet gekommen war, Paris war nämlich ein Teil davon); Sam, Stanley, Boris, Michèlle und Ted waren bereits genauso angeekelt wie ich. Sie richteten ihren Ekel gegen eine andere Form von Hollywood-Heuchelei-Futter für die Park Avenue und die Golfplatz-Typen unter den Kunstsammlern: Pop-Art. Wie die frühen Beatniks waren sie Abtrünnige und „Nihilisten" – im dostojewskischen Sinn –, weil sie sich ihre Ärsche mit der Art News und Art in America wischten und sich weigerten, das MOMA oder das Whitney zu betreten, was natürlich kindisch war. Ich interpretierte ihre Ausstellungen so: „Unsere Kunst sagt Nein! zu der Euren, die keine Kunst, sondern Prostitution ist. Unsere Kunst steht im Gegensatz zu ’Yes Men’ und ’Yes Art’!".

Nach der langweiligen Hölle der fünfziger Jahre in Europa schien New York das Paradies zu sein. Man konnte die Nächte damit verbringen, bei Thelonious Monks nietzscheianischem Pianospiel im Village Gate zu sitzen; man konnte die Canal Street (Shangrila) mit Ted Joans entlanglaufen, eine echte Bombe aus Stahl kaufen (die ich für meine Bomb! Mr. America-Skulptur verwendete) und sie anschließend in die U-Bahn mitnehmen; man konnte ein kleines Atelier in der 10. Straße mit dem (mittlerweile verstorbenen) haitianischen Künstler Jacques Gabriel teilen; man konnte mit Duchamp und Huelsenbeck, Tinguely und Johanna essen gehen, man konnte Ginsberg, Corso, Leroy Jones (heute Amiri Baraka), Franz Kline oder Bob Rauschenberg in der Cedar Bar treffen; man konnte Lesungen beim Living Theatre machen oder an Oldenburgs Happenings teilnehmen; man konnte Tage damit verbringen, mit Sam Goodman durch die Sex-lllustrierten-Geschäfte der 42. Straße zu ziehen, um die Richtigen zu finden als Collagematerial für unsere „American-Reality-Sandwiches" (solche wie für meine New York School und Bomb-and-Shelter-Serien); man konnte Filme mit Jonas Mekas machen und von einem zum anderen Ende der Stadt laufen wie Rousseau, als er über die Alpen nach Venedig wanderte..

Die Judson-Kirche war der Ort, an dem sich alle AntiKriegs- und Anti-Rassismus-Aktivisten trafen. Ihr Keller war der geeignete Ort für die Hall of Issues-Ausstellung und die March Gallery, die hauptsächlich von Sam Goodman geleitet wurde. Sie unterschieden sich total von der „normalen" Kunstwelt, indem sie „offen" waren gegenüber allem, was die Uptown-Händler und Museumsdirektoren fürchteten: Schmerzensschreie, Verzweiflung, Aufruhr!.

Ist es nicht gerade das, wozu jede Generation (aufs Neue) verpflichtet ist, es zu tun, um zu überleben: nämlich ihre eigene Gegenposition, ihre eigenen Mittel, ihre eigene Sprache zu entwickeln? Es ist nicht meine Aufgabe zu sagen, ob NO!art besser oder schlechter ist als das, was sie bekämpften. War es eine starke oder schwache Sache? Hat sie heute noch Gültigkeit oder nicht? Wie auch immer die Antwort lauten mag, können wir nicht naiv genug sein in der Hoffnung, daß diese Kunst – oder Anti-Kunst oder NO!art – „verstanden" oder akzeptiert werden kann. Sie ist immer noch nicht (und wird es wahrscheinlich niemals sein) die Art von schicker und neutraler Ware, die reiche Sammler in ihre Esszimmer hängen. Für mich geht das in Ordnung. Denkt an die Sandmalerei der Pueblo-Indianer (in Neu Mexiko). Medizinmänner (d.h. die „Sehenden") zeichnen ineinander verzweigte farbige Sandkompositionen, die den Untergrund von heiligen Stätten für Heilrituale erwärmen sollen! Die Magie funktioniert oder auch nicht. Sie ist immer abhängig von der geistigen Bereitschaft der am Ritual Beteiligten. Früher oder später jedenfalls wird ein großer Wind alles hinwegfegen.

Halt deshalb deine Augen auf, so oft du es kannst.
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