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Harry Hass <<< | >>>
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HIGH NOON


Der goldene Zeiger auf dem schwarzen Ziffernblatt zuckte auf High-Noon.

Rosenstern linste auf den längst verlassenen Güterbahnhof unter der flimmernden Freitagnachmittagssonne... geile Kanacken im versponnenen Licht mohammedanischer Sonnenuntergänge...

Und Rosenstern, in gestreiftem Dreiteiler, das Haar in blonden Strähnen, Typ: sizilianisches Haarwachs, es gibt keine bessere Note, die Schuhe französisch weiß. Er verließ die Frankfurter Allee durch eine dunkle Seitenstrasse, tigerte in Richtung Hauptbahnhof, vorbei an vernagelten Mietskasernen. Raskolnikow bretterte auf winzigen Sonnensegeln gleißend in Richtung City. Und tschilpende Spatzen über den Köpfen sonderbarer, huttragender Deutscher. Laluelala brannte wie immer durch die gesperrten Straßen.

Ronald Biggs splitternackt und unsichtbar Ufer die Schergen der Kripo, saugte an einer kubanischen Zigarre.

Rosenstern, von seinen Frauen zärtlich Meckie genannt, machte sich an seiner Scheiss Post zu schaffen. Seine Kalaschnikow AK 74, ein wirklich gutes Kaliber, besser als jede Beretta, war immer noch nicht verfügbar.

"Mir kochen Scheiße. Boss du, ich viel Muffe und Kollega viele Dollar," ein komischer Vogel in Tirolerhut und Kampfstiefeln. Seine Kinder spielten Räuber und Gendarm.

Und Rosenstern lächelte, steckte sich eine französische Zigarette in den Lippenbogen, schnüffelte in seinen Dokumenten nach bunten Scheinen und sagte lautlos zu seinem unterseelischen Marder:

"Na dann werden wir den Chetnick ein bischen schmieren," und er steckte dem Zwischenhändler ein grünes Dollarbündel in die Brusttasche ... saubere Arbeit, und nie was los mit Mätzchen.

"Du schon kapito."

Kindergekreische trieb durch den Ladenraum, der voll war von graublauem Plunder und Rauch. Ein Kuckuck schrillte drei mal kuckuck kuckuck kuckuck aus seinem Gehäuse. Kabawumm schrie eines der Kinder, und Alis sanftes Lächeln hinter einer Spanischen Wand ... und im schlesischen Korridor, High Noon und Schwarze Nacht.

Rosenstern linste in die Sonnenstreifen des Nachmittags. Ein glattrasiertes, ein gezeichnetes Gesicht, im Staub. Die Jukebox trällerte billigen Fotzenrock .... umwerfende Mädchen, Girls auf Ponys, klasse Apparate unter ihren engen Shirts, echt scharf Mensch, Superdinger. Aber Hallo! die tänzeln Bebop mit ein paar Jungbullen aus Sachsen Anhalt. Am Ende verstand Rosenstern niemanden. Kein Wort. Keinen Ton. Keine Melodie. Rein gar nichts. Die Kommandozentrale seines Hirns zappenduster, nur noch ein Winseln von einem kalten Stern, irgendein entferntes Gemurmel. Trauriges Etwas. All das war absurd, blöde, ein doofer Witz, der niemand zum Lachen brachte.

Rosenstern, weiche Knie, knöpfte sich den Hosenlatz seiner gestreiften Tommyhose zu.... Twiggy wo ist dein Lächeln, im Sand .... Und der Rosenstern schlenderte durch die Schwingtür nach draußen, zurück in Richtung Frankfurter Allee. Ein bischen Ausfluss zwischen den Beinen.

Mit tief eingezogenen Schultern, die Hände beringt, auf dem Rücken verschränkt, schlenderte er - ein zarter Duft taumelte zwischen ihm und allen Dingen die da waren - umgeben von kleinen flatternden Vögelchen in die undeutliche Distance der STADT. Rosenstern bemerkte, dass er eine Schlagseite weg hatte. Ganz schön angeballert, wie alles hier. Straßenbahnen ruckelten durch das Labyrinth, wo keifende Frauen hinterhältige Flüche spucken, und irgendein waschechter Dauerbrennener, der letzte Blindgänger hochgeht. Die ganze Zivilbevölkerung wie immer evakuiert.

Schlagzeile vom 24.5.93:
Polizisten in der Falle! Sie wollten das Geld, dann klickten die Handschellen um die Gelenke des Einsatzleiters. Eine junge Frau erklärte dazu: Ich bin vergewaltigt worden, von fünf Männern in Polizeiuniformen. Für sie (30) wurde ein Bankbesuch zum Alptraum.

Das ganze Territorium voll von Asylanten. Gefangene Tiere der Zoos, Ali der Kettenhund, den Blick von der Sonne versengt, und Rosenstern ... die irre Schönheit der Verzweiflung. Eine Frau in Weiss an seiner Seite, Duft von Flamingo und Benzin, und dieses irre Blond, uuhhh.

Bischen Tierblut tropft aus einem Schnäuzchen, wo der Gorilla, auf den nackten Beton seiner Zelle geklatscht, apathisch dämmert. Kalt wie ne Nonnenmuschi an Karfreitag. In Deutschland kommt das besonders gut.

"Die Kerle haben Tradition," erklärte Rosenstern, damals schon längst bei der Gilde, dem schwerbetrunkenen Chetnick.

"Habe da noch was von diesem Sprit."

"Nicky, schau mal, ob wir noch was von dem russischen Flugzeugbenzin haben."

Eine verstörte Gestalt verließ durch die Falltüre zum Keller den Schuppen. Flaschen klirrten, Rattenkönig raschelte. Und der Kerl trottete, Spinnweben in seinem Gesicht, eine Tarantel auf den kahlen Schädel tätowiert, total angestaubt mit einem Kanister durch die Hütte.

"Viel gut Boss. Viel Panzersprit."

Und die Jungs machten einen drauf. Rosenstern, wie gefährdet von einem Koma, das Hirn so kirre, inmitten von diesm Lärm und Muff.

"Kall weg den Dreck," und spürt den Morgenwind, der leise durch seine Haare fiedelt.

Zur selben Zeit:

Irgendwo in Palm Springs stolzieren Flamingos total relaxed unter dem Blauen Mond.

Schmutzige, zum zerreißen gespannte Netze, (allerbester Seemannsknoten) ihre Namen sind Gehirnwäsche und Feigheit, Körper und Cops. Die Liste ist lang, unendlich. Sie überschatten mit ihrem Geflecht Organismen vom Scheitel bis zur Sohle.

Kontrollbericht eins: (Ohne Bezug zur Existenz eines Rosenstern)

Die nackte Willkür. Diese Hampelmänner, die Hand am Sack - ist nun mal ziemlich vertrackt die ganze Sache - kennt die Mafia, und kein Ende abzusehen. Und Leika, gleichgültig welcher Rasse, winselt in der blauen Stille des Alls.

Zehn Jahre zuvor:
Im Schatten persischer Zypressen. Irgendwo onanieren kaltblütige Söldner. Verschanzt lauert ein Trupp Legionäre. Ein Schlitzauge hat das Kommando, nennt sich Die Magere Katze, Woung-Wunga. Sprechblasen wie Früchte an verkrüppelten Bäumchen.

"Sie werden ganz einfach einen Menschen töten."

Delphine tummeln sich weit draußen im Blau des Atlantiks.

Und der Söldner tat es mit zwei Schüssen aus seiner Puste, einer Smith&Wesson. Danach holte er sich bei seinem Einsatzleiter als Belohnung die Pfeife ab. Den Leichnam schnallten Uniformierte an die Kufen eines russischen Hubschraubers. Im letzten Augenblick ritt ein schwarzgekleideter Kaputzenpriester auf einem Maulesel heran.

"Ich dachte zuerst, der wird vom Rotor des Hubschraubers geköpft," erinnert sich Bodijrkes der Exsherpa.

"Der Schweinepriester mit ledernem Gesicht konnte den toten Atheisten unwürdigerweise segnen, bevor die Maschine abhob. Das Hirn voll Gemeinheit und Abstraktion."

Der goldene Zeiger auf dem schwarzen Ziffernblatt zuckte auf High Noon.

"Ich puste ihm das Hirn aus dem Schädel."

Unsichtbare Papageien, denk an Jack London, dann liegst du richtig, kreischten in ihren knallfarbenen Federkleidern.

Die Sonne am hohen Nachmittag. Mit einem Glitzern, gleich dem Glanz auf der Rüstung antiker Ritter, und kein Funkkontakt.

Aktennotiz: Für den Fall, dass Rosenstern die Ermordung seines Gefährten abstreiten sollte, beschloss der Oberkommandierende der Streitkräfte, ein gewisser General Muchacho-Skalpi, den Kopf des Opfers abzuscheiden, und in Formalin legen zu lassen.

"Zum Glück, verdammte Scheiße, konnte der Wahnsinnige überzeugt werden, dass das nicht zulässig sei," berichtete der Exsherpa, 12 Uhr 0519 Uhr 30:
Tagesschau:
Bericht eins: Der Innenhof des Gefängnisneubaus gleicht einer Kriegswüste: Trümmerwerke, Mauerbrocken, Glassplitter, eingestürzte Träger, explodierte Kräne. Zweihundert Kilo Sprengstoff haben das modernste Gefängnis Deutschlands zerfetzt. Die Grossfahndung der Polizei läuft auf vollen Touren. Gesucht werden vier mutmaßliche Täter. Drei Mahner und eine Frau. Sie hatte rotes Haar, ist zwischen 20 und 30 Jahre alt, und kleinwüchsig. Die Bevölkerung muss helfen.

Aktennotiz 2:
Sie schlugen dem General vor, nur einen Finger zu behalten. "Wir hatten ja seine Fingerabdrucke", erklärte ein Unbekannter. Aber er befahl einem Offizier, dem Mann beide Hände abzuschneiden, und in Formalin zu legen. Sie wurden im Innenministerium aufbewahrt. Später nahm sie einer der bolivianischen Spitzel mit nach Südamerika. Spätere Nachforschungen verliefen im Sand. Blut in einer Regenlache im Hof einer Hazienda. Zwei total verstümmelte, nicht mehr zu identifizierende Wesen in einer billigen Pension, am Place De La Concorde.1945: 19 Uhr 40, aktuell.
Nur noch ein kalter Schatten der Vergangenheit. Feindliche Geschwader über den Trümern Berlins. Antigaspillen, Unmengen, Zyankalikapseln ... und der kalte Österreicher, vollendet verzweifelt, die Boxershirts bis zu den Knöcheln heruntergezerrt, den Golfschläger in der Rechten, salutierend ... Ein nackter Caddi schuhplattlerte tanzend im Grün.
Sekunden später: der Tote im Park der Reichskanzlei, von Benzin übergossen, neben ihm die Leiche Eva Brauns. Die toten Kinder seiner Lakeien bei den Göttern des Nichts.
Adaminow, russischer Unteroffizier, fand das berühmt-berüchtigte Ei.- terriblé - war sein einziger Kommentar per Fernschreiber an Stalin, dessen Generäle den Fund des berüchtigten Dings, mit dem Sonderauftrag absoluter Dringlichkeit, mittels eines metallischen Kassibers nach Moskau meldeten.
Es ist bekannt, dass amerikanische Demokraten die Vorhäute sämtlicher jüdischer Nobelpreisträger sowohl im Pentagon, als in Schweizer Safes aufbewahren. Sogar Stalins Rektum lieferten Kollaborateure an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Nachtrag:
Gehirnwäsche und Isolation gehören wieder zum Alltag. Die staatlichen Medien melden Attacken im Osten, Scharmützel im Süden, und Jonny Chetnick spricht von der Vorbereitung eines Atomschlags gegen uns.
Eine Art verordnete Kriegspsychose uniformiert sämtliche Staaten. J. Chetnick, letzter Botschafter in Klong-Klong, ehemals Berlin, schätzt, dass knapp die Hälfte der Bevölkerung dem Militär, dem Sicherheitsdienst, und der verbotenen Partei zuzuordnen ist. Die durch das Fallbeil von Körper getrennten Köpfe fielen in einen aus Weide geflochtenen Korb.

Baracke 23:
Zeugnisse des Grauens. Verkohlte Leichenteile in Petroleum. Wrackteile eines amerikanischen Flugzeugträgers. Die Knute eines Schuldirektors. Ein in Rasierwasser getunkter Hautfetzen, mit der Häftlingsnummer 2001. Verstaubte Koffer, durchschossene Stahlhelme, ganze Transportlisten unbrauchbaren Schunds.
Sir Leon, ein Onkel Rosensterns, erklärte:
"Wir würden gern viel mehr zeigen, aber wen interessiert schon der Ramsch der menschlichen Rassen aus so einer finsteren Zeit, wie dem Zwanzigsten Jahrhundert, Glamour und Schrott."Gefährlich wie ein weisser Hai mit einer Atombombe im Arsch, steht ein riesenhaftes Gebäude unter strengster Bewachung im selben Distrikt.
"Endlich wird uns der Tod holen," schrieb einer der Insanssen auf einen der Totentuerme.

Zeit: 20 Uhr 30
Ein Blauer Vollmond mit Kampfflugzeugen.
Ort: Prag
Stinkende Deutsche, Franzosen:
"Tout le monde et la merde pour la vie."
Und durchgeknallte Yankees:
"Yeah."
Zum Ärger Rosensterns erhielt einer der Piloten den Befehl, auf einem Militärflughafen zu landen, statt auf einem entfernteren Zivilstützpunkt. Hunderte von Menschen warteten auf der Piste. Darunter unzählige individuelle Zaungäste.
Rosensterns Onkel, der alte Leon, tauchte gleich nach der Landung in der Menge unter. Antike Tore, in riesige Berge und Felswände gesprengt, verraten den Zugang zu einem gigantischen Tunnelsystem. Oft sind ganze Städte, Fabriken in Stollen untergebracht. Ein zwielichtiger Geschäftsmann, ein Bursche aus den Kreisen japanischer Multikonzerne, erklärte nach dem Besuch einer Troostschen Munitionsfabrik.
"Vieehl good, very big."
Elektrozäune und Minengürtel haben das Territorium eingekreist. Doch selbst Plutoniummangel, Vandalismus, und Korruption, sind für die Machthabenden ein Kinderspiel.
Soldaten marschieren an sämtlichen Autobahnen entlang, schleppen Granatwwerfer in neue Stellungen, den Geigerzähler auf High-Noon.
"Die People sind gewohnt mit minimalsten Ansprüchen zu leben. Die sind vielleicht fertig."
Und dazu Gehirnwäsche und Isolation. Relikte einer noch fernen Zeit. Stumpf, wie ein Messer in der Kehle, stand eine zierliche Frau auf, ging zur Jukebox und drückte die nächste Nummer.
Durch das hintere Fenster sah sie unglaublich riesenhafte Tore in Bergen und Felswänden, Zugänge zu einem unterirdischen Tunnelsystem.
Am Himmel ein gigantischer, ein metallischer Bogen. In allen spektralen Farben, die das menschliche Auge kennt.
"Die Kerle hier sind gewohnt, mit minmalistischen Ansprüchen zu leben", sagte eine spitzbärtiger deutscher Chemiker.
"Das, meine Herrn, das ist es, was das Land zusammenhält! Wie ein Relikt einer noch fernen Zeit."

Erschienen in: Bubizin/Maedizin Magazin, Berlin 1994
www.no-art.info/hass/text/01_high-noon-1994