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Blalla W. Hallmann | NO!art involvement <<< | >>>
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HASS und SPASS mit BLALLA W. HALLMANN

Von Matthias Reichelt

Publiziert in Katalog: Blalla W. Hallmann, Heim ins Reich, Berlin 1992

Es ist immer das gleiche
kaum sitzen wir bei Tisch
an der Eiche
findet einer einen Nazi in der
Suppe
und statt der guten alten
Nudelsuppe
bekommen wir jeden Tag
die Nazisuppe auf den Tisch
lauter Nazis statt Nudeln

— Thomas Bernhard:
Der deutsche Mittagstisch, Frankfurt a.M. 1988

Hass setzt kriminelle und destruktive Energie frei oder Kunst. Bei Blalla W. Hallmann tut er das letzte. Dabei setzt sich Blalla W. Hallmann zwischen alle bequemen Stühle, die ihm Kunsthandel und Kunstgeschichte in ihrer unerhört integrativen Manier bereitstellen.

Seine Bilder sind Verletzungen des »guten Geschmacks« und für viele auch des Sehnervs. Blalla W. Hallmann präsentiert uns bunte, akribisch gemalte Bilder, die nichts anderes tun, als die »unendliche Geschichte« vom schönen Leben zu zerstören.

Das Leben ist eine einzige Kloake, ein riesiger Haufen Scheiße, gekrönt von einem Schwärm Schmeißfliegen.

Die Liebe, die uns alles versüßen soll und das Leben erst so richtig sinnvoll erscheinen lässt, ist nichts anderes als das gnadenlose elterliche Rausprügeln und Austreiben aller vielleicht vorhandenen guten Ansätze in den Kindern. Tja, und die sexuelle Liebe ist bei Blalla W. Hallmann kaum etwas anderes als die ewig gleiche männliche Penetration ohne Vor- und Nachspiel. Vom Kuschelsex der achtziger Jahre ist hier nichts zu finden. Eher vielleicht so blöde Schüttelreime wie:

Ein Eremit saß am Ufer munter
und zog sich die Vorhaut rauf und runter

Aber das Leben ist ja blöd und vor allem, wir alle sind ziemlich blöd.

Das Leben, um noch mal darauf zurückzukommen, ist gottverdammt verlogen, schamlos und ohne jede Moral, es sei denn die in allen 10.000 Artikeln über die Postmoderne zitierte: »anything goes«. Die ist jedoch nicht postmodern, sondern höchst modern. Dechiffriert man die Wirklichkeit, entkleidet sie, nimmt ihr die sozialdemokratischen Gewänder und Narreteien, kommen jene hoffnungslosen und unentrinnbaren Wahrheiten ans Licht, die Blalla W. Hallmann in schönen Farben hinter Glas oder auf Leinwand zeigt.

Zwei degenerierte weibliche (warum eigentlich?) Wesen masturbieren auf einem Haufen Leichen sitzend, den Opfern des Holocaust, während uns aus den geöffneten Öfen heiligenschreinmäßig die Naziführer entgegenblicken. Den Lebenssaft erhalten die zwei verkommenen Figuren mit Heiligenschein, deutscher und US-Flagge per Infusion aus der am Galgen hängenden Weltkugel.

Das ganze Szenario spielt sich auf einem Zug ab und lautet (Seite 67):
Wenn die bunten Fahnen weh'n -
Der Moonlight-Arier-Express: 'Festung Europa'

Zugegeben, wir haben es hier mit einer sehr eigenwilligen Interpretation zu tun, aber »anything goes«. Blalla W. Hallmann vollzieht nur mit gleicher Methodik nach, was uns mit anderer Absicht vorgemacht wird. Dabei bewegt er sich auf mehreren Zeitebenen, die er schamlos kombiniert und jedem Historiker, der es zu etwas bringen will, die Haare zu Berge stehen lassen würde. Wie kann man denn die wohlverdiente, wiedererlangte zentrale und weltbedeutende Rolle der Deutschen Seite an Seite mit den USA mit dem Faschismus in Verbindung bringen? Die eine Geschichte endete 1945 und ein neues Stück mit neuen Protagonisten, demokratisch, friedfertig und tolerant begann. Die Stunde Null. Dass z.B. »l.G. Farben« für die Produktion von Zyklon B im Faschismus verantwortlich war, zu den großen Arisierern gehörte und sich überhaupt am Holocaust sowie der deutschen Expansion 'dumm und dämlich' verdiente, ist eine Geschichte, für die dieses Firmenkonsortium schließlich auch mit seiner Zersplitterung bezahlen musste. Punkt! Dass »l.G. Farben« durch die Aufteilung in verschiedene Firmen scheinbar aufhörte zu existieren, um nun in demokratisch gewendeter Form am Wiederaufbau unserer sozialen Marktwirtschaft sich erneut 'dumm und dämlich' zu verdienen, ist eine ganz andere Geschichte, die mit der vorangegangenen gar nichts zu tun hat.

Die Reminiszenz der alten »LG. Farben«, ein gewöhnliches Büro mit Anwälten und Sachbearbeitern war eigens dafür da, die Liquidierung oder besser gesagt: die Abwicklung der belasteten Fassade nach 1945 voranzutreiben. Nach dem Fall der DDR saßen die Abwickler in den Startlöchern, um flugs Anspruch auf die alten Leuna- und Buna-Werke zu erheben. Dies ist wiederum eine ganz neue Geschichte und steht in keinem Zusammenhang mit den zwei vorangegangenen. Menschen wie Blalla W. Hallmann sind die Zeit ihres Lebens mit ihrem Gedächtnis geschlagen. Sie entdecken Parallelen, wo es keine zu geben hat, sehen Kontiguitäten, wo es keine geben darf, sind stets misstrauisch und lassen sich auch durch Friedensketten und Besuche unseres Bundespräsidenten in Ausländerwohnheimen nicht von der Arglosigkeit der Deutschen überzeugen. für die deutschen Sieger und Herrenmenschen scheint jetzt, 1992, jedoch die Zeit gekommen zu sein, die Masken fallen zu lassen, um endgültig wieder braune Farbe zu bekennen, wie dies Ernst Nolte in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« vom 22. Februar bereits getan hat:

"Zeigt sich nicht, dass sogar Hitlers Vorstellung vom 'Lebensraum' keine bloße Phantasie war, da doch ganz Osteuropa heute der Tätigkeit der deutschen Wirtschaft offenzustehen scheint? Residiert nicht im ehemaligen Luftfahrtministerium Görings eine Treuhandstelle', deren Name an die Treuhandstelle Ost von einst erinnert?"

Da bleibt kein Raum für Kommentierung.

Zum Schluss muss jedoch gewarnt werden. Blalla W. Hallmann kennt keine Rezepte, denn es gibt kein Entrinnen vom Narrenschiff, kein Entkommen aus der Scheiße. Deshalb gibt es vielleicht nur eine Lösung: Auf keinen Fall für neue Nachkommenschaft sorgen («Chop the family tree«), aber den eigenen Sarkasmus soweit vorantreiben, dass kein Auge trocken und das Lachen im Hals stecken bleibt.

Und dagegen hilft dann wirklich nur »noch'n Kölsch«.

© http://www.no-art.info/hallmann/rezensionen/1992_reichelt.html