zum NO!art-Menü  NO!art NEWS + KÜNSTLER + ÜBER UNS + BLAF MANIPULATION + MAIL Link zur Galerie  GALERIE MIT ALLEN KÜNSTLERN
Jochen Gerz | NO!art involvement DE | EN
Rezensionen Suche und finde im NO!art-Archiv
M E M O
MIXED MEDIA
PROJEKTE
REZENSIONEN

N O ! a r t  ist
die strategische
Kreuzung,
auf der sich
künstlerische
Produktion und
gesellschaftlich
kulturelle Aktionen
begegnen.

LURIES TESTAMENT
mail

MAHNMAL UND PEINLICHKEIT

Widersprüche der "Erinnerungskultur"
Adolf Muschg, Hartmut von Hentig, Manfred Osten, Antje Vollmer,
Roger de Weck diskutieren mit Jochen Gerz
in der Akademie der Künste in Berlin am 29. März 2004

von Arno Widmann

Publiziert in: Berliner Zeitung (Feuilleton) vom 31. März 2004.

Die Akademie der Künste hatte Antje Vollmer, Manfred Osten, Hartmut von Hentig und Jochen Gerz geladen. Es ging um das Peinliche am Holocaustmahnmal. Der 1940 in Berlin geborene Künstler Jochen Gerz lebt seit vielen Jahren in Paris, nachdem er in Köln und Düsseldorf Kunst studiert hatte. Großes Aufsehen erregte er, als er seinen Entwurf für ein Holocaustmahnmal in Berlin zurückzog. Gerz amüsierte die Debatte sichtlich. So fragte er dann weniger in die illustre Runde als hinunter ins Publikum: "Ist die Shoah ein Gegenstand, dem Würde am besten steht?" Gerz machte eine Pause, blickte ins Publikum, sagte nichts weiter. Er beantwortete seine Frage nicht. Jeder seiner Blicke, jede Geste seiner Hände aber sagte: Wer ein würdiges Shoah-Denkmal haben möchte, hat das Thema verfehlt. Die Menschen wurden vernichtet in der Shoah. Darüber spricht ein anständiger Mensch nicht würdig. Das verlangt nicht nach Würde, sondern nach der Wahrheit. Die ist immer auch schmutzig. Wer den Schmutz fürchtet, der fürchtet die Wahrheit. Die Vorstellung, dass wir bald ein Holocaust-Mahnmal haben, das wöchentlich in die Schlagzeilen kommt, weil wieder einmal eine Reinigungsfirma einen lukrativen Auftrag bekommt, hat mit dem, worum es einem solchen Denkmal gehen sollte, nichts zu tun. Der Glaube aber; man müsse eben mit anderen Menschen rechnen als denen, die hier nun mal sind, den quittiert Jochen Gerz mit der knappen Formulierung: "Ein frommer Wunsch ist auch daneben."

"Eisenman", sagte Jochen Gerz, "müssen sie schützen. Gegen Schmierereien, gegen Umstürzler und Vandalen. Neben jede Stele einen Polizisten. Mindestens. Gerz brauchen sie nicht schützen. Gerz hat nichts gegen Vandalen. Gerz Denkmal ist für die Vandalen, denn für sie ist es doch gemacht. Sie sollen doch ins Grübeln kommen."

Gerz hätte lieber ein Denkmal gehabt, das die Reaktionen der Besucher nicht nur herausfordert, sondern auch dokumentiert. Sie sind Teil des Denkmals. Sie sollen nicht gelöscht werden. Denn sie bereichern es. Das Denkmal soll nicht vor "Entwürdigung", "Entweihung", "Schändigung" geschützt werden. Es soll sie ihm Gegenteil aufzeichnen. Die Kunst besteht nicht darin, einen Gegenstand zu bauen, der an etwas erinnert, sondern darin, die es betrachtenden Menschen zu aktivieren und ihre Aktivitäten ernst zu nehmen, sie zu begreifen als einen wesentlichen Beitrag zum Werk. Zur sozialen Plastik, wie Beuys gesagt hätte, dieser Republik. Sie sollen und dürfen gerade nicht ausgesperrt werden aus dem vom Kunstwerk geschaffenen sakralen Raum. Dieser Raum soll im Gegenteil geöffnet werden für die Einfälle der Vandalen. Auch das gehört zur Demokratie. Die Arbeit des Künstlers besteht gerade nicht in der Abkapselung, sondern in der Vermittlung. Die Konfrontation ist anders als die auf politische Korrektheit eingeschworene Öffentlichkeit annimmt - eine besonders geeignete Form der Vermittlung. Jochen Gerz hat damit einschlägige Erfahrung gemacht. Sein Hamburger "Mahnmal gegen den Faschismus" wurde nicht nur beschmiert und beschädigt, sondern auch beschossen. Die Idee eines rein zu haltenden Mahnmals ist für Gerz ein Widerspruch in sich. Es kann nicht nur nicht, es darf auch nicht um Reinheit gehen. "Es geht nicht darum, eine gute Meinung zu vertreten, sondern darum wie isses."

© http://www.no-art.info/gerz/rezensionen.html