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Im Zerrspiegel der Massenmedien
Rocky-Horror-Comic-Show

Vier Jahrzehnte "Political painting" von Erró im Haus am Waldsee

Rezension von Elfi Kreis

in: Der Tagesspiegel, Berlin, 19.08.1997

Mao: Jung, ernst und strahlend schön schreitet er im knöchellangen Gewand über den regennassen Markusplatz. Erró lässt ihn als Jesusverschnitt in Venedig übers PfÜtzenwasser lustwandeln. Mal fotorealistisch, mal im süßlichen Stil der Peking-Opern schickt die Serie „Chinese Paintings" den Revolutionshelden nebst Genossen in den 70er Jahren auf Sightseeing-Tour durch die westliche Hemisphäre. Die „rote Gefahr" als vergnügungssüchtige Touristengruppe, herrlich absurd und vorausschauend. Das Leitbild der Studentenbewegung behandelt der Maler, als sei Mao eine der unzähligen Comic-Figuren, die sich sonst bevorzugt auf seinen LeinWänden tummeln. Errós politische Malerei schont nichts und niemanden. Die Linke goutierte seine antimilitaristischen und antiautoritären Positionen gerade wegen ihrer radikalen Schärfe. Aber auch ihr haben seine Demontagen von HeldenMythen oft nicht geschmeckt.

Politisch Lied, ein garstig Lied - auch bei Erró. Das alte Vorurteil, politische Kunst sei Tendenzkunst, wenn nicht gar Agitprop, widerlegt die vom Direktor des Wilhelm-Busch-Museum Hannover konzipierte WerkÜbersicht hingegen unmissverständlich. Die Ausstellung im Haus am Waldsee ist die fünfte Station der Tournee, die anschließend durch Osteuropa führt. Initiator Joachim Neyer konzentriert seine Auswahl darauf, Errós medienkritische Grundhaltung aufzuzeigen. Der 1932 als Gudmundur Gudmundson in Island geborene und in Paris lebende Künstler reflektiert politisches Zeitgeschehen im Zerrspiegel der von den modernen Massenmedien vermittelten Bildflut. Seit 1967 nennt er sich Erró. Das klingt wie „error", Fehler. Ein Signet, das wie die in seinem Werk häufig vorkommende Faust aufs Auge passt.

Von Vietnamkrieg bis Sarajevo, ob Atombombe oder „Sex and Crime", Erró behandelt das umfassende Thema Korruption durch Macht, gleichgültig in welchem Regime. über Jahre sammelt er zunächst für jede Serie eine Fülle von Second-Hand-Bildern aus Zeitschriften, Kaufhauskatalogen, von Plakaten. Sein bevorzugtes Ausgangsmaterial aber sind Karikaturen und vor allem Comicstrips. Triviales, Banales, Alltägliches behandelt er als gleichwertig.

Die Ausstellung überwältigt den Besucher mit ihrer bunten, kleinteiligen Bilder-Fülle auf den RiesenleinWänden der 80er bis 90er Jahre. Sie zieht ihn sogleich in den Sog prall gefüllter Schreckenskammern und Horrorszenarien vom Tatort Tagesschau, in den Strudel der Nahkampfschlachten Comicfigur gegen Comicfigur: bekannt aus dem Fernsehen, von Flipperautomaten und elektronischen Computerspielen. Erró potenziert die Klischees unserer bildersüchtigen Mediengesellschaft, bis sich die Fülle visueller Informationen als Inhaltsleere enttarnt.

In den 80ern basieren die Serien auf den zentralperspektivischen Raummodellen der Renaissance. In den 90er Jahren macht der elektronische Bildschirm frühere Collagevorlagen überflüssig. für seine jüngsten „Shapes" füttert Erró seinen Rechner mit tausenden von Einzelbildern. Durch die Zentrifuge eines speziellen Computerprogramms gejagt, formieren sie sich wie bei „Eva Brauns Dream" zu übereinanderschlagenden, wellenförmigen Grundstrukturen, die an die Meridiane auf einem Globus erinnern.

Kunst kommt bei Erró von Kunst, seine Werke kennen viele verschiedene Vorbilder, zu denen er sich offen bekennt. Der Stilmix, das Plündern der Kunstgeschichte ist Methode. An Hannah Hoch erinnern frühste, noch mit Zeichnung kombinierte Collagen aus den 50ern. Ihnen folgen von Raoul Hausmann beeinflusste Blätter. Dann erste, bereits gemalte Collagen der Serie „Meca-Make-up“. Eigenständige Collagen gehen auch den ersten Gemälden voraus. In den 70er und 80er Jahren entwickelt Erró daraus sogenannte „Marketten", die er als Dia auf die Bildfläche projiziert, nachzeichnet und minutiös mit Pinsel und Farbe auf Leinwand überträgt. Als moderne Historienmalerei werden diese Arbeiten bezeichnet, in denen sich der rebellische Zeitgeist nach '68 abzeichnet. In Frankreich wurde für die Stilrichtung übergreifend der Stilbegriff „Narrative Figuration" geprägt. Mao und Vermeer, Pop Art und das von Dada und Surrealismus, von John Heartfield abgeleitete Prinzip der Collage und Montage, Comic-Styles und Nazipropaganda sind bei Erró kompatibel.

Von den „Chinese Paintings" über „American Interieur" führt der Querschnitt durch Errós politische Kunst in der oberen Etage, die den Zeitraum ab 1968 bis in die 80er Jahre abdeckt. Die heftigste Provokation erwartet den Besucher direkt zuvor. Höchst drastisch wirkt die Serie „For Robert Crumb", für die Erró amerikanische Underground-Comix (comix mit „x", zur Unterscheidung von herkömmlichen Strips) mit Propagandaplakaten der Nazis kombiniert. Brutale Vergewaltigungsszenen, Sex und Gewalt plus Landsermilieu und NS-Politparolen ergeben einen schwerverdaulichen Bildstoff, der durch seine kräftige Farbigkeit in der Wirkung noch verstärkt wird. Provokant, zumal sie in deutschen Landen frisch an die wände kommen. Erró benutzt Ironie vielfach als Stilmittel. Damit strebt er Katharsis an. Die Leiterin vom Haus am Waldsee, Barbara Straka, bringt seine Aussage auf die Formel „Obszönität des Krieges". Die Auseinandersetzung mit dieser Werkgruppe mag für manchen starker Tobak sein. Die Augen davor zu verschließen, wäre zu einfach. Es handelt sich zwar um Kunst, dennoch kommt die brutale Wahrheit der Botschaft klar an. Die Schockwirkungen der Kunst bewirken bekanntlich für die Realität wenig. Wenn sie wie hier nachhaltig zu denken geben, ist bereits viel erreicht.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 21 September; Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr.
Katalog 38 DM (Hatje Verlag), im Buchhandel 48 DM.

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