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Frank-Kirk Ehm-Marks <<< | >>>
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BILDERKLAU - Die schöne Kunst des Diebstahls

Von Guido Eckert

in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.08.2004, Nr. 31 / Seite 20

Es ist ihr nun tatsächlich wieder passiert, aber sie will einfach nicht schlau werden. Und ihre Kollegen wehren ab, ignorieren, reden umständlich drumherum - so als ginge es hier um extrem unappetitliche Dinge, um die Alm vielleicht oder eine ansteckende Krankheit. Dabei ist die Kölner Galeristin Susanne Zander lediglich von einem Phänomen eingeholt worden, das in sehr vielen deutschen Galerien schon längst so bekannt wie gefürchtet ist: Die eigenen Kunden klauen, lassen die Kunst einfach mal mitgehen und schmücken damit ihr Wohnzimmer. Sie stehlen, gezielt und gerissen, und sie schämen sich nicht einmal dafür. Es sind Tausende Diebstähle jährlich, in Hunderten von Galerien - aber die Langfinger werden geduldet und verschwiegen, weil ein Eingeständnis der Lage bedrohlicher zu sein scheint als der finanzielle Verlust.

Im Trubel der Vernissage: "Es hat mich diesmal besonders geärgert", sagt die Galeristin Susanne Zander, eine der wenigen, die Öffentlich darüber sprechen, "weil es ein limitierter Katalog war, in einer ganz kleinen Auflage, und auf dem Cover mit einer Originalarbeit des Künstlers Frank-Kirk Ehm-Marks versehen." - Geschehen im Trubel der Vernissage oder auch in der meditativen Schweigsamkeit der anschließenden Tage, wer es genauer wissen wollte, müsste Detektiv spielen oder einen engagieren. Susanne Zander mag immer noch nicht darüber nachdenken, daß sie bestohlen wurde. Und zwar derartig gezielt. Denn die Kunst, die zeitgenössische Moderne - jenseits der Öffentlichkeitswirksamen Millionenwerte - hatte bislang eine Aura und genoss Respekt; das war, so glaubten die Galeristen, Schutz und Versicherung genug.

Avantgarde der Räuber: Ein klassischer Kaufmann würde eine Galerie nach den ersten zwei, drei Diebstählen sicherheitstechnisch hochrüsten, wie einen Juwelierladen vielleicht, und die Verluste auf die Preise rechnen, wie im Einzelhandel üblich. In der Kunstwelt aber ist das kein Thema. Weder bei Susanne Zander noch bei den meisten ihrer Kollegen. "Die Vorstellung, daß jemand klaut - das ist nicht meine Gedankenwelt", sagt sie, "andererseits bin ich vorsichtiger geworden. Ich verleihe nicht einmal mehr Bücher." - Letztlich aber ist der Volkssport Kunstdiebstahl deshalb so populär geworden, weil der Kunstmarkt beispiellos großzügig mit dem Verlust seiner Werte umzugehen weiß: Galeristen stellen keine Strafanzeige, und sie melden den Verlust nur selten bei der Versicherung. Das Erfassungswesen im Kunsthandel ist ungenau und langsam; es gibt kaum schriftliche Belege, erst recht keine Lagerliste. Man könnte es auch so sagen: Galeristen scheinen von Kunst entschieden mehr als von Ordnung zu verstehen.

Am Finanzamt vorbei: Viele Werke werden zudem unter der Hand verkauft, am Finanzamt vorbei, manchmal an Kollegen, oft auch an Kunden, die den Neuerwerb ihrerseits nicht anmelden möchten. Bekanntlich ist der internationale Kunstmarkt auch eine Freihandelszone für kriminelle Geldwäscher-und eben diese Kombination bringt ein mysteriöses Schweigen hervor. Und geschwiegen wird hier mit einer Konsequenz, die man dem sonst so verschwatzten Kulturbetrieb gar nicht zutrauen würde: Galeristen, die aufgeregt im Freundeskreis von Diebstählen zu berichten wissen, auch vor Zeugen, zucken aber sofort zusammen, wenn es darum ginge, die Straftat zu melden. Niemals Öffentlich! Es sind ja die besten Kunden, die fleißigsten Sammler, die logischerweise unter Verdacht gerieten; sie könnten verärgert reagieren, abwandern. Was für die jeweilige Galerie deutlich schlimmer wäre als ein sporadischer Diebstahl."Auch ein Bild von Adolf Wölfli, mit einem heutigen Wert von zirka 35.000 Euro, ist verschwunden. Allerdings kann ich nicht mehr eruieren, wann und wie die Arbeit abhanden gekommen ist. natürlich ist es kaum möglich, mit so dürftigen Informationen zur Polizei zu gehen und den Diebstahl zu melden."

Besser klauen mit Sekt: Eine Erfahrung, die viele Galerien kennen und viele Künstler fürchten: Etliche Werke sind Kommissionsware; es wird abgerechnet, und plötzlich fehlt etwas. "Ich zahle den Verlust dann aus eigener Tasche", sagt Susanne Zander: wie wohl alle Galeristen. Die Raubkunst findet sich im Gegensatz zur Beute aus spektakulären Museumsdiebstählen nicht auf einem Schwarzmarkt wieder - die Diebe sind Liebhaber, keine Profis, was die Fahndung erschwert. Was in Galerien geklaut wird, hängt in den Wohnzimmern unbescholtener Leute. - Beliebt sind auch Kunstmessen: wenn auf- und wenn wieder abgebaut wird. während des Täglichen Messebetriebs müssen sich die Besucher in die Taschen schauen lassen. "Abends steht bei einer Kunstmesse alles ungesichert herum", sagt Susanne Zander: "Man könnte dann den ganzen Stand leer räumen, und niemand würde im Weg stehen."

Am besten schweigen: Ein Satz, den viele ihrer Berufskollegen für Verrat halten. Denn es gilt die Devise: Besser nicht über die Diebstahlwelle sprechen. Schweigen. Bloß nicht die Nachahmer ermuntern! Galeristen haben ohnehin kein besonders gutes Image. "Es hat wohl noch mit einem Vorurteil aus den Achtzigern zu tun", sagt Susanne Zander. "Galeristen sind so unglaublich reich. Die trinken den ganzen Tag Champagner, leben nur von den Talenten ihrer Künstler und nehmen die aus. Sie machen das alles nur, um Geld zu verdienen. Denen tut es dann auch nicht weh, wenn mal ein Bild fehlt." - Böse Galeristen also - und mit diesem Klischee im Kopf sinkt gerade bei den leidenschaftlichen Kunstbesessenen auch die Hemmschwelle zur Tat, rechtfertigt sich der verstohlene Griff als soziale Rettungstat. Man befreit das Genie schließlich aus den vermeintlichen Fängen des Kommerzes. Massenhaft. Tausendfach jährlich. - "Ich sollte einen Spiegel installieren", sagt Susanne Zander beinahe schon belustigt, "um zu sehen, wer in meine Galerie kommt. Aber ich will gar nicht so denken! Ich will mir nicht vorstellen müssen, daß Leute kommen, um zu klauen."

Diebe aus Liebe: Einige Künstler hingegen sind schon inzwischen so weit, daß der Diebstahl ihrer Werke zum Gegenstand dieser Werke wird. "Weil es schließlich Liebhaber sind, die klauen", sagt Ralph Bageritz, 1958 in Köln geboren und berüchtigt für verwegene Aktionen. "Man könnte sich fast geehrt fühlen." Was ihm bei seiner letzten Ausstellung in München gestohlen wurde, waren ausgerechnet sogenannte "Stolen Objects". Das sind Supermarktprodukte, die Bageritz eigenhändig entwendet hat und anschließend, mit Ort und Jahreszahl des Diebstahls versehen, wie eine Ikone präsentiert oder in verschiedene Werke einverleibt. - Mitten in der Kölner Innenstadt, im bekannten Kaufhaus Karstadt hat Bageritz seine neue Ausstellung eingerichtet, im dritten Stock, in der Haushaltswarenabteilung. Dabei hat er hier eigentlich, wegen eines besonders dreisten Diebstahls, Hausverbot. für Bageritz galt die Festnahme als Performance: Er dachte, wenn er sich beim Klauen erwischen ließe, bekäme er danach die Überwachungsvideos. Statt dessen gab es eine Anzeige und das Hausverbot. Heute nun zählt er die limitierten Verkaufskataloge der gerade er Öffneten Kölner Ausstellung "Reklame für alle", die eine Auswahl der Münchener Arbeiten präsentiert, und erwartungsgemäß fehlen nach den ersten Tagen schon fünf davon. Auch Diebe werden bestohlen.

Die Kunst des Raubens: für seine Ausstellung ist er auf das "Art Loss Register" zugegangen, ein internationales Unternehmen zur Aufklärung von Kunstdiebstahl. 1991 in London gegründet, besitzt es heute mit Vertretungen in London, New York, Köln und St. Petersburg die weltweit umfangreichste private Datenbank gestohlener Kunst. Annähernd 150.000 gestohlene Kunstwerke und Sammlerobjekte sind detailliert erfasst, und durch die Zusammenarbeit von Polizei, Versicherungswirtschaft und dem Auktionswesen konnte das ALR zur Rückführung gestohlener Kunst im Wert von mehr als hundert Millionen Dollar beitragen. Derzeit erhalten die ALR-Büros tausend Schadensmeldungen monatlich! - Bageritz nun hat die verwackelten Fotos und ungelenken Skizzen einiger Sammler verwendet, die diese noch von ihren gestohlenen Werken besaßen, um daraus Wechselbilder zu bauen - wie auf den Kitschpostkarten, wo Jesus ein Auge zudrückt. Nicht nur die Werke berühmter Künstler hat er verwendet, sondern auch einmal einen Teppich, also eher einen gehobenen Wertgegenstand - und genau dieses Foto, also Bageritz' künstlerische Bearbeitung als Wechselbild, ist während des Ausstellungsbetriebs in München entwendet worden. "Ich hab 's zu spät gemerkt", sagt der Diebstahlprofi, der nicht damit rechnete, selbst bestohlen zu werden. "Und heute kann ich es schlecht nachweisen." Irgendwo in Deutschland hängt sein Werk jetzt an einer Wohnzimmerwand, bei irgendeinem anonymen Liebhaber. - Als "besonders schade" empfindet Bageritz den Verlust eines Objekts, das aus einem Kölner Verlagshaus gestohlen wurde, einer Aldi-Wurst von 1991, die sich in einem spannenden Transformationsprozeß befand; sie nahm gerade eine sphärisch grüne Farbe an. Im Gegensatz zu seinen Galeristen regt es den Künstler inzwischen aber nicht mehr auf, bestohlen zu werden, obwohl der finanzielle Verlust groß ist. "Dieser doppelte Diebstahl wird von mir inzwischen sogar einkalkuliert", sagt er und lacht. "In Anlehnung an gängiges Wirtschaftsdeutsch ist das eine nicht zu vermeidende Schwundquote."

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