NO!art + KÜNSTLER + MANIPULATION + INFO + MAIL NAVIGATIONINDEX

Frank-Kirk Ehm-Marks

<<< | >>>
Publikationen Suche und finde im NO!art-Archiv

EINTÖNIGES LEBEN IN SCHMUCKLOSEM RAUM

Gedichte und Zeichnungen

96 Seiten | 20 x 13 cm | Paperback | Karin Kramer Verlag, Berlin 2004 | ISBN 3-87956-286-5

Frank-Kirk Ehm-Marks | Buchumschlagüber den Autor: Aus dem Nichts heraus kommen, aus dem Nichts heraus etwas machen! Lebens- und Werkspuren

Im Jahr des Mauerbaus wird Frank-Kirk Ehm-Marks in die Welt geworfen, die rein zufällig Bad Kreuznach heißt. Als Mitglied einer Klischee-Familie — 10 Kinder, fast alle waren im Knast, ein Teil lebte in der DDR, der andere im Westen ohne jemals gemeinsamen Kontakt gehabt zu haben — ist sein Lebensweg von Anfang an mit dem Kainsmal "asozial" überschattet. Unterbrochen von Heimaufenthalten wächst er beim Stiefgroßvater in der beschaulichen Idylle der Gartenstadt Spandau in West-Berlin auf.

Hierhin wird er verbracht und temporär geparkt in den Hausstand eines sendungsbewussten Altkommunisten, der mit der körperlichen und geistigen Entwicklung seines Enkels oft überfordert war, Menetekel abweichenden Verhaltens mit preußischer Härte sanktionierte, dahinter nur familiär bedingte "Asozialität" vermutete. Gewichtiger Straftatbestand der DDR, verbales Totschlagsargument gegenüber jedem Nicht-Angepassten in diesem vermeintlich besseren Teil Deutschlands. Mit 15 Abbruch der Schule ohne Abschluss, ohne richtig lesen und schreiben zu können. Ausbruch und Flucht in die Drogen- und Stricher-Szene vom Bahnhof Zoo, Erfahrung von Obdachlosigkeit und Sucht — dann Anschluss an die Berliner-Hausbesetzer-Szene.

Mitte der Achtzigerjahre fast 7 Jahre anhaltender Einbruch der Nüchternheit, es entsteht ein umfangreiches grafisches und literarisches Werk. Kontakte zur internationalen Mail-Art-Szene vibrieren und verlieren sich genauso rasant wie die Freundschaft zu Uwe Morawetz, Aktivist der Schwulen-Szene, dem virilen Wegbereiter so unterschiedlicher Projekte wie Social Beat und der esoterisch angehauchten Friedens-Universität Potsdam unter der Schirmherrschaft des Dalai Lama.

Wichtigster Bezugspunkt aber wird die Kreuzberger Punk-Galerie und Sozialstation "endart", wo unter der Regie des unbeirrbaren Porno-Trash-Piloten Klaus Theuerkauf in den 90ern unter anderen Blalla W. Hallmann, Reinhard Scheibner und Stu Mead ausstellen. Endlich ein Mutterschiff erreicht, eine menschliche Heimstätte gefunden: Obszessiv und kaputt ist die Eigeninszenierung aller Anwesenden, die Grenzziehung zwischen Kunst und Leben obsolet, die Aggression gegenüber der Realgesellschaft Konsens — und genau hier ist eine Bündelung wütender Reflexe auf die Außenwelt zu spüren. Credo: Diese Welt ist kränker als du leben und malen kannst! Hier finden Ehm-Marks' Bilder, ihre bizarr-poetische Variante von Art brut, kurzzeitige Anerkennung und Käufer.

Der unverhoffte Erfolg führt ungebremst in die nächste Absturzphase. Heroin und Methadon werden für 9 Jahre seine auszehrenden Glücksverhinderer, erst Anfang 2003 schafft er einen vielleicht endgültigen Absprung. "Auto-Heroin" ist der Name für sein hellsichtig kastriertes Überlebenskunst-Projekt

Von 1984 bis heute erschienen mehr als ein Dutzend Text-Sammlungen, die — kein Etikettenschwindel — Underground pur sind. Nur eine Auswahl: "Die Verfassung der Gäste", Selbstverlag 1984, "Eisbox", Reflection Press, Stuttgart 1988, "Hunger schal schal Hunger", Morawetz-Verlag, Berlin 1988, "Gram", "Harnröhrenentzündung" und "Rot", alle Selbstverlag, Berlin 1989, "Mielachs Glocken" im Al Verlag, Stuttgart 1989, "Sätze wie Fremde", Edition Galerie W 33, Leipzig 1992 und "Der blaue Zigarettenautomat" im Dreieck-Verlag, Mainz 1996. Durch die Vermittlung von seinem Förderer, dem Übersetzer Joachim Kalka, erscheint "Das Glück auf der Hollywood-Schaukel" im renommierten MaroVerlag 1998. Diese Sammlung von Gedichten, Kurzprosa und Grafiken gilt nicht nur Johannes Ullmaier in "Von Acid nach Adlon — eine Reise durch die deutschsprachige Pop-Literatur", Mainz 2001, als das bislang repräsentativste Werk des Autors.

Das hier vorliegende Buch versammelt fast komplett die bisher unveröffentlichten Texte von Frank-Kirk Ehm-Marks, die zwischen 1993 und 2000 entstanden. Text- und Lebensspuren, die der Vergessenheit zum Opfer fallen könnten. In diesem Sinne hat dieses Werk auch eine vitale Komponente. Unprätentiöse, in sich begrenzte Bestandsaufnahme eines Zustands, der nach Veränderung schreit!

Störfeuer, Stellungskrieg, Parole: Es ist Zeit zu töten
Vorwort des Herausgebers Erik Steffen

Leben frisst Leben und die Sprache? Bleibt auf der Strecke - keine Zeit für Sprachmagie! Checkpoint GOLDENER HAHN, in Rauch geschwängerte Versackerkneipe, ein trüber Winternachmittag 2001. Sie sind zu zweit: Autor und Musiker, Brüder im Geiste der Verlorenheit. Der Copy-Art-Aktivist Frank-Kirk Ehm-Marks und Bruno S., der als Schauspieler in den Werner Herzog-Filmen "Strozzek" und "Kaspar Hauser" in den 70er-Jahren zur Poster-lkone westdeutscher WGs mutierte. Oszillierend zwischen Trash, Social Beat und verbaler Art brut — Textgewitter der anderen Art. Bruno S. spielt Xylophon, nur in den Erschöpfungspausen des Autors, Sprache und Musik verdichten sich zu einem Großstadt-Blues der besonderen Art.

Hör mit Schmerzen, es ist Krieg in den Städten und in den Gehirnen! Pures Leben, das nicht geteilt werden kann, verschafft sich einen Raum, der die 50 Zuhörer in seinen Bann zieht! Ehrliche Literatur kann nur im Dreck entstehen! This is your life! (Glaxo Babies) Frank-Kirk Ehm-Marks: Ein nicht enden wollender schmutzig-schlechter Film sind die in diesem Band gesammelten Texte; krank, kastriert und kaputt die sprachliche Erfassung der Wirklichkeit, roh und gewalttätig die Fantasien eines lyrischen Ichs, das Lyrik weder schätzt noch schützt. Station Kottbusser Tor, Kreuzberg 36: Im Getto der Verlierer, Trümmertunten, Spiegeltrinker, versifften Einraumwohnungen und 24-Stunden-Kaschemmen lebt Frank-Kirk Ehm-Marks seit mehr als 20 Jahren. Street credibility braucht er nicht mehr zu sammeln. Er hat hier fast jedem in die Fresse gehauen und von fast jedem in die Fresse gekriegt. Von Bukowski lernen, heißt verlieren leben. Nichts Neues unter der Sonne, es ist Zeit zu töten: die Langeweile, die Spießer, sich selbst. Vor allem, wenn der Tag mehr als 24 Stunden hat. Es ist diese Extrem-Anstrengung, die seinen Texten zugrunde liegt, sie schafft ein trübe schillerndes Meer an toxischen Sprechblasen ist nicht der vermeintliche Glanz des Neuen Berlin, die Ausweitung der hippen Spielzonen, die in diesen Texten beschrieben werden. Kein Stoff, der in Lesebühnen, Poetry Slams oder Literarischen Salons von einer erlebnishungrigen urbanen Boheme goutiert werden könnte. Unterhalten können und wollen diese Erfahrungs- und Gedankenschleifen nicht. Spröde, redundant, erlebnisarm wirft eine Realität ihren Schatten, die im geschlossenen Milieu der ewigen Verlierer und Outcasts verharrt. Keine Bewegung oder Entwicklung deutet sich an außer der herbeigesehnten Selbstauslöschung. Entschlossen stellen sich die Texte in die Phalanx von Autoren wie "Matthias" BAADER Holst oder QRT, für die die kompromisslose, selbstzerstörerische Verweigerungshaltung gegenüber Literaturbetrieb und Gesellschaft in den Neunzigerjahren letale Konsequenzen hatte.

Ein Kaleidoskop der Hässlichkeit und des zwanghaften Nihilismus entsteht, ein Mikrokosmos der Banalität vom Rand der Spaßgesellschaft, an dem der Verlust aller Werte, Reize und Sinngebungen längst stattgefunden hat. Hier wird eine politische Position von Kunst und Literatur entwickelt, die ihre Widerstandskraft aus der totalen Negation bezieht. Sie ist immer politisch, ob man es wahrhaben haben will oder nicht. Ihr eigentliches Kapital ist spürbar: das Sich-Absperren, die Verweigerung, der Aufstand. An den vagen Schnittstellen treffen sich die Textflächen mit der unbeugsamen, ernüchterten Schreib- und Lebenshaltung von Hadayatullah Hübsch, der mit seiner zornigen Stimme dem schönen Schein der Konsum- und Warenwelt seit Jahrzehnten ein Autodafe bereitet. Mühsam lässt der Autor die negativen Mantras, Ziehkinder der Punk-Bewegung, hinter sich: Stumpf ist Trumpf! Die Zukunft ist im Arsch. Das Heute ist mir gleich! Es ist das Fanal der entleerten Empörung, des EGO-WAHNS, der mit dem Surrogat Heroin versucht, Gewissheiten, Momentaufnahmen, Ruhepunkte zu schaffen, wo der eigene Lebensfilm längst Richtung Abgrund läuft. Und doch ist es auch ein wütendes, in der Stoßrichtung nervöses, nicht zielgenaues Dagegen-An-Schreiben, das die Qualität seiner Texte ausmacht.

Stumpfe Fixsterne: Die alten Garden der Underground-Heroen, desillusionierte Misanthropen, Politextremisten und literarische Außenseiter werfen lange Schatten. Francois Villon, Charles Bukowski, William S. Burroughs, Edward Limonow und Jürgen Ploog lauern wie erschöpfte Dämonen hinter jedem Satz. Auch Celine, der geniale Krakeler und politisch mehr als fragwürdige Egozentriker, Pierre Drieu La Rochelle und Charles Manson Irrlichtern als Begleiter durch die eigene Reise ans Ende der Nacht. Aber jenseits der größtenteils nicht mehr aktiven Altstars lassen sich auch Links in der deutschen Literaturgeschichte der Nebenwirkungen und Randszenen finden. Über vieles ist das Vergessen tumorisiert. Doch nichts ist vergeben! Eine mögliche Ahnenreihe ist um Jörg Fauser gruppiert, der wie kein anderer das ganze Arsenal von Subkultur durchlebte und durchschaute. Sein im autobiografischen Rückblick 1984 erschienener Roman "Rohstoff 1 lieferte den Blueprint für Generationskohorten. Seine Desillusionierungen sind keine Diffamierung des ihn umgebenden menschlichen Treibguts und der Verhältnisse, sondern in ihrer Lakonie — analog zu Frank-Kirk Ehm-Marks — Momente von ehrlicher Verbundenheit. Auch Bücher wie "Gib mir meine Tripperspritze" von Ulrich Hundt, "Den Kopf voll Suff und Kino" von Christoph Derschau und Rudolf Proskes "Unverschämt" haben in den zurückliegenden Jahrzehnten ähnliche Klopfzeichen gegeben. Diese Werke entspringen einer Off-Literaturszene, deren Verteiler selbstbewusst "Störer", "Cocksucker" oder "Paria" heißen. Deren offensiv-vitalistische Selbst-lnszenierung ist Ehm-Marks trotz allem eher fremd.Jedes Sein schleift Bewusstsein: Aus dem Pseudo-Kunst-Kopf eines Junkies entsteht der Text: Die reale und sprachliche Zerstörung liegt vor dem Text. Sätze wie Fremde formieren, sie reduzieren sich auf die Beschreibung des Unsäglichen: Geschlechterkrampf, Hass und Aldi-Alltag, deutsche Tätergeschichte, Amoklauf, Drogensucht und Tod. Jeder Satz ist Wut über das eigene Versagen und die nach Betäubung schreiende korrumpierte Bedeutungslosigkeit der Realität.Die Gefühlte Sprache ist der Gradmesser einer Verstörung, die jenseits der Wortbedeutungen operiert, mit zynischer Brechung die Texte über ihre Titel einordnet in einen Alltag, der im Paralleluniversum des Out-Seins nicht mehr existiert. Gnadenlos wird die Aporie der Sucht ausgelotet, das eigene Selbstbetrugsdezernat offen gelegt und sprachlich fixiert. Nur in dieser Mechanik liegt die Kraft, Veränderung zu erreichen. Damit ist dieses Buch ein vorläufiger Endpunkt im Gesamtwerk des Autors. Mit Einbruch der eigenen Nüchternheit fehlt eine Erfahrungswelt, die seine manische bisherige Textproduktion vorangetrieben hat. Jetzt gilt: New Order!

© www.no-art.info/ehm-marks/publikationen/2004_eintoenig.html