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Herbert Brown | NO!art involvement DE | EN
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HERB BROWN IST MALER UND ERZÄHLER

Interview von JONATHAN SMITH, New York 2010

Source: http://www.vice.com/read/herb-brown
THE PARTY, 1966, overpainted poster & oil, 90"x60"
Herbert Brown entweiht schon Plakate seit der Vater von Neckface seinen Namen auf die Innenseite der Eier seines eigenen Vaters gekritzelt hat. In den frühen 60ern besorgte er ziemlich viele Plakate aus der U-Bahn und wandelte sie in ziemlich anstößige Schlafzimmerszenen und Witze um, die in den rändern eines Geschichtsbuches der achte Klasse nicht fehl am Platz wären. Dummerweise fanden die Gönner der New Yorker Galerie Szene Browns Arbeiten zu anstößig und witzig (und außerdem obszön) und weigerten sich die riesigen Stücke auszustellen.
Herbert war auch einer der ersten, der die Idee hatte Fernsehen mit Kunst zu verbinden, aber auch das konnte er nicht so richtig starten. 1965, als er seine erste Ausstellung mit Fernsehern eröffnen wollte, gab es einen Stromausfall in der gesamten Stadt. Im folgenden Jahr verlor er fast all seine Werke in einem riesigen Feuer, das immer noch den Rekord hält, die meisten FeuerwehrMänner jemals getötet zu haben. Aber Katastrophen konnten Herberts unstillbares Verlangen zu schaffen nicht aufhalten, genauso wenig wie sein fast übernatürliches Mitteilungsbedürfnis.
Mit 87 macht Herbert immer noch Kunst und war vor kurzem in einer Gruppenausstellung mit dem Titel „Wiser Than God" mit ein paar anderen noch lebenden und arbeitenden Künstlern zu sehen, die vor 1927 geboren wurden. Seine frühen U-Bahn Plakate werden gerade in der BLT Galerie in New York ausgestellt. Wir waren in seinem Studio, um uns mit ihm zu unterhalten.
Herbert Brown in his studio, New York 2010
VICE: Wann hast du angefangen Anzeigen als Medium zu benutzen?
Herbert Brown: 1960, am zwölften Oktober um acht Uhr abends. Nein, 'tschuldigung, es war um sieben. Sorry.

Ha. Gab es einen bestimmten Punkt oder eine bestimmte Idee, die du ausdrücken wolltest?
Es hat einfach aufregend ausgesehen. Ich mochte den Gegensatz zwischen diesen Anzeigen und der Art in der ich male, die... Ich bin ein Soutine Mann. Soutine war verdammt noch mal der beste expressionistische Maler, den es gegeben hat. Ich bin ihm gefolgt und habe von ihm gelernt. Ich habe von echt vielen Leuten gelernt... Ich habe von allen gestohlen. Ideen, überall wo ich hingeschaut habe, habe ich was mitgenommen. Ich lerne immer noch von allen, sogar von schlechten Malern. Von sogenannten „schlechten Malern." Nicht „wichtige". Leute, die in der Kunstwelt runter gemacht werden. Weißt du? Es gibt ernsthafte Künstler und es gibt gute Künstler und es gibt schlechte Künstler, die ganz oben, die in der Mitte, blablabla, du weißt diese Hierarchie Scheiße. Aber sogar die Leute ganz unten, wie man das halt nennt „ganz unten", haben Sachen gemacht, von denen ich was lernen konnte. Und das habe ich gemacht. Ich habe geklaut und ich habe es nicht zugegeben und ich habe mich über sie lustig gemacht, während ich von ihnen gestohlen habe.
HELLO, 1966, oil & paper on canvas, 60"x90"
Das ist ziemlich brutal, aber gab es eine bestimmte Message, die du mit den Anzeigen rüber bringen wolltest?
Das kam alles nach der Ästhetik. Die wichtigste Sache für mich war mein Gefühl für Ästhetik. Diese Idee die ich darüber hatte, oder erlernt hatte vermutlich, was schön und was nicht schön war, weißt du? Aber das waren alles Sachen, die ich erst lernen musste, als ich in die Kunstwelt oder die Welt an sich eingetreten bin und alles andere, intellektuelle Ideen, politische Ideen, soziale Kommentare - das alles hat sich erst später entwickelt. Aber nichts davon hat mich jemals angetrieben, ich war immer nur von der Ästhetik getrieben, vom Verhältnis zwischen dieser und jener Art von Kunst.

Wie hast du die U-Bahn Anzeigen bekommen?
Ich bin runter in die U-Bahn und ich hatte mir überlegt, dass ich größere Sachen brauche statt diesen Seiten in Magazinen und größere Sachen als die kleinen Poster die ich überall in der Stadt fand. Mein Ego wollte das einfach. Es war teilweise mein Ego und dann hatte ich einfach im Sinn, dass der Eindruck den du von einem Bild bekommst sich ändert, wenn du die Größe änderst. Es passiert irgendwas, es ist eine andere Erfahrung. Ich fahre ständig mit der U-Bahn-ich lebe seit 1949 in New York, bevor du geboren wurdest-deshalb war ich da unten und habe mir überlegt noch größere Sachen als diese U-Bahn Poster zu machen, aber ich bin nie dazu gekommen, sie fertig zu bekommen wegen dieser kleinen Sache namens „Feuer." Aber das ist halt passiert, es ist jetzt vorbei, zu Ende.
YOU DON'T HAVE TO BE JEWISH, 1965, oil & paper on canvas, 32"x46"
Wie viele von deinen Arbeiten hast du verloren, als dein Studio abgebrannt ist?
Ich weiß es nicht, so 900 Gemälde etwa.

Hat dich das zerstört, oder hast du es als Säuberung verstanden?
Nein, es war schmerzhaft. Ich erinnere mich daran wie ich mit diesem Idioten Leslie da stand und unsere beiden Gebäude in Flammen aufgehen sah, und er hat gelacht, das verdammte Arschloch. Er hat versucht cool zu sein und darüber zu lachen, dass wir diese ganzen Arbeiten verloren haben, außer, dass die meisten von seinen Bildern gar nicht da drin waren. Er hatte Glück, er hatte nämlich Galerien und er zeigte seine Arbeiten und er hat viel verkauft.
TWO FIGURES, 1964, oil & paper on canvas, 60"x90"
Wer war das?
Alfred Leslie, er hat eine Sache verloren. Er hat die einzige Kopie von einem Film verloren, den er gerade gemacht hatte. [direkt in das Aufnahmegerät gesprochen] Fick dich Al. In deinen Arsch!

Aber erinnerst du dich wie du an diese ganzen Anzeigen gekommen bist? Ich habe irgendwo gelesen, dass du sie von den Bahnsteigen geklaut hast.
Dass ich sie geklaut habe?

Ja, dass du spät abends hin bist und —
Das ist große Scheiße, aber wenn du es glauben willst, bitte. Die Wahrheit ist wahrscheinlich viel, viel langweiliger.

Die Anordnung deiner Arbeiten bei BLT ist von klein nach groß-ist die Show chronologisch angeordnet? Hast du mit kleineren Sachen angefangen und dich dann weitergearbeitet zu den U-Bahn Anzeigen?
Ja, so bin ich meine Kunst immer angegangen. Wenn ich mit was angefangen habe, habe ich es immer klein gemalt, egal zu welcher Zeit. Vielleicht war es für mich leichter an einem kleinen Ding zu arbeiten, weil ich es leichter kontrollieren konnte und wenn ich es versaut habe, war es OK, es war nur ein kleines Bild. Vielleicht habe ich so gedacht. Ich weiß nicht. Und dann kam der Drang es zu vergrößern - es war eine natürliche Entwicklung. Ich weiß nicht genau, ob das viele Künstler so machen oder nicht,... aber ja vermutlich schon. Wenn du dir mal Rauschenbergs letzte Sachen anschaust -- dieses Bild, das eine Viertelmeile lang ist-er hat ja nicht so angefangen. Bilder die in Relation zu deiner Körpergröße stehen, das ist vermutlich keine schlechte Art auf die Kunst von jemandem zu schauen. Nicht, dass große Typen keine kleinen Bilder malen können, aber ich glaube es gibt so eine komfortable Zone, physisch, wenn du den Pinsel in die Hand nimmst, oder irgendein Werkzeug und was damit machen willst, dann solltest du dich mit diesem Werkzeug irgendwie wohl fühlen. Es muss deinem Körper irgendwie passen, weißt du?
BLOW JOB, 1964, Oil & paper on canvas, 77"x91"
Macht Sinn.
Es ist wie diese kleinen Typen heute, die diese außergewöhnlich großen, flachbrüstigen Frauen wollen. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen in der wir unsere Frauen kleiner wollten als wir selber waren, also ein bisschen. Und wenn du dir das mal auf der Straße anschaust, dann wirst du sehen, so sind die meisten Beziehungen. Frauen wollen von einem starken Mann beschützt werden, die wollen, dass der König der Löwen neben ihnen läuft. Vielleicht ist ein bisschen davon wahr-wahrscheinlich ist es das, weißt du? Immerhin ist so ein Löwe immer auf Patrouille in seinem Territorium, er läuft rum und checkt alles aus, er schaut sich alles an und sagt „hey, hau hier verdammt noch mal ab."

Ja, ich war mit ein paar Frauen zusammen, die größer waren als ich. Aber es hat mir nicht gefallen, ich hatte Angst, dass sie mich zusammen schlagen.
Ich hatte Frauen, die größer waren als ich und ich mochte sie wegen ihrer Persönlichkeit, und irgendwie sogar, weil sie größer waren. Das war damals irgendwie neu und aufregend. Wenn du heute in diese Modemagazine schaust, sind da überall diese großen Frauen.

Wie hast du den übergang gemacht von den U-Bahn Postern zu den Gemälden auf den Fernsehern?
Ich habe an einem Bild gearbeitet und irgendwie gemerkt dass etwas drin war, das eigentlich an eine andere Stelle gehört hätte. Ich habe also den Pinsel genommen und bin in das andere Zimmer gelaufen, in dem meine Frau saß und Fernsehen geschaut hat, und ich habe so ein kleine, schnelle Sache auf den Bildschirm gemalt, während sie dabei zusah.
B&W Portrait, 2009
Hat ihr das gefallen?
Zuerst war sie geschockt, wahrscheinlich weil ich ihr Programm unterbrochen habe. Ich weiß nicht mal mehr was lief, aber wir haben beide da gesessen und wir haben beide... es war unglaublich es so bei der Entstehung zu sehen.

Es war also total spontan? Du wolltest keine bestimmte Beziehung zwischen einem statischen Gemälde und einem sich bewegenden Bild herstellen?
Nein. Es war einfach so. Bam! Ich habe an was gearbeitet und wollte das was anderes passiert. Es ist alles so eine Yin und Yang Sache, alles was du tust, egal welches Bild, alles kann so gesehen werden.
Portrait of Woman #1, 2009
1965 wolltest du gerade deine erste TV Gemälde Show starten, als es in der gesamten Stadt einen Stromausfall gab.
Haha! Das ist die Leo Castelli Story. Ja, es war 1965 und ich bin zu Leo mit meinem alten TV Apparat und ein paar von diesen Glas Arbeiten. Ich habe also den Stecker eingesteckt, und damals dauerte es immer, bis die Geräte warm gelaufen waren und man ein Bild sehen konnte. Wir stehen also da und warten und in genau in dem Moment in dem das Bild erscheint, gehen in ganz New York und Neuengland die Lichter aus. Es war der große Stromausfall von 1965. Mein erster Gedanke war, was habe ich getan? Ich habe die Elektrizität der gesamten Stadt zerstört. Ich habe wirklich geglaubt, dass irgendwas was ich mit dem Gerät gemacht hab, das ganze verursacht hat. Leo ist natürlich ausgeflippt. Es hat sich dann natürlich rausgestellt, dass es nichts mit mir zu tun hatte, aber er hat mich trotzdem nie wieder eingeladen und ich hab ihn auch nicht mehr gefragt. Ich hätte es machen sollen, aber ich war nicht hip genug, cool genug oder selbstsicher genug um mich nochmal einladen zu lassen und um ihm das Zeug nochmal zu zeigen.

Wow, und die Show hat nie stattgefunden?
Er hat die Sachen nie gesehen. Ich wollte ihm nur ein Beispiel meiner Arbeit zeigen.
Fucking #1, 2009
War es nicht entmutigend, kurz davor zu sein, diesen ganz neuen Kunststil zu erfinden, den noch nie jemand zuvor gesehen hatte und dann wurde die Show gestoppt von einer Sache die du einfach gar nicht beeinflussen konntest?
Ja, ich war keine reife, intelligente, Business-orientierte Person. Ich habe Kunstgalerien nicht verstanden. Ich war ausschließlich Ästhet. Ästhetik bestimmte was ich tat. Mein Es, meine Psychologie-Ich wurde von Emotionen getrieben. Ich hatte sehr wenig Kontrolle über meinen Intellekt. Ich habe das erst später gelernt. Und es hat lange gedauert, weil ich sehr langsam lerne.

Warum hat man dich in der aktuellen „Wiser Than God Show" in der BLT Galerie als „Böser Junge" bezeichnet. Warst du bekannt dafür zu trinken, wie Jackson Pollock und De Kooning?
Was? Wer hat gesagt ich wäre böse? Ich habe das nicht mitbekommen. Und ich wüsste auch nicht, was das heißen sollte.

Ich denke es hat vielleicht was mit der sexuellen Stimmung in deinen Werken zu tun.
Sexualität. Ziemlich viel Zeug ist sexuell, oder? Schau in den Spiegel und über den Spiegel hinaus, in den Spiegel deines Geistes und deiner Seele. Schau tief hinein und vielleicht erschrickst du dann-es ist beängstigend. Es hat mich zu Tode erschreckt.

Denkst du, dass sexuell explizite Arbeiten heute immer noch so einen großen Eindruck machen können, wie es deine in den 50ern und 60ern getan haben?
In der Hälfte der Bevölkerung sicher. Die andere Hälfte wird sich darüber freuen und klatschen, aber sie werden es sich trotzdem nicht an die Wand hängen. Sogar die aufgeschlossensten, naja, nicht die aller aufgeschlossensten, aber immer noch ein großer Teil der aufgeschlossenen hätte immer noch Angst es sich an die Wand zu hängen, weil Oma ja mit den Enkeln vorbei kommen könnte, deshalb würden sie sich darüber Gedanken machen.
© http://www.no-art.info/brown/interviews/2010_smith-de.html