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N O ! a r t  ist
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LURIES TESTAMENT
mail

EIN ÜBERLEBENDER NAZI

Postscriptum zur Partnerscheisse (1970)

Publiziert in: Lurie, Boris; Krim, Seymour: NO!art, Köln 1988

Jetzt reiße ich mein Maul noch mal auf, obwohl ich schon so viele schreckliche Sachen über die March-Gruppe erzählt habe. hauptsächlich über Sam und Boris. Aber auch genug über Stanley Fisher. Der war ein echter sadomasochistischer Bekloppter. Man konnte ihn nie verletzen und auch nicht vernünftig mit ihm reden. Eine Tracht Prügel zu verteilen oder zu erhalten war ihm gleichermaßen willkommen. Wie er in Gedanken Zwölfjährige bumste, habe ich schon erwähnt. Auch kopierte er Boris und Sam, und zwar mit so unheimlicher Blitzgeschwindigkeit, dass seine Nachahmungen fertig waren, noch ehe die Originalideen von Sam und Boris sich in ihrer ekelhaften Kunst kristallisiert hatten. Jedenfalls entwickelte Fisher seine eigenen Arbeiten und Ideen daraus. Seine Ergebnisse waren immer noch ekelhafter als die von Sam und Boris. Trotzdem wurde es immer sein eigenes Werk. Als Sam und Boris ihn ohne Verhör und Prozess aus der Gruppe rausgedrängt hatten, horte er allmählich auf, mit der Schere zu arbeiten. Schließlich beschäftigte er sich mit irgendwelchen verrückten Ideen über den Zusammenstoß der Welten und protzte damit in Fernsehsendungen herum. Manchmal hatte er auch wirklich gescheite Sachen zu sagen.

Der wirkliche Trick aber in all den Arbeiten dieser Leute bestand darin, dass es ihnen gelungen war, so widerliche Werke zu schaffen, dass ihr Zeug niemand kaufen geschweige denn auch nur annehmen wollte, dass sie gleichzeitig ständig weiterproduzierten, eine Galerie leiteten und ständig wechselnde Ausstellungen veranstalteten. Das ist wirklich ein Kunststück. Denn sie bekamen auch keine Kritiken und außer ihren Kohorten und Mitläufern besuchte niemand diese lausigen Ausstellungen. Jahrelang solche Scheiße zu machen, nicht zu verkaufen, nicht besprochen zu werden, das ist immerhin ein Trick, zumal wenn man bedenkt, dass sich in der Kunstszene jede Art von Scheiße verkaufen lässt. Nichts zu verkaufen und nicht einmal etwas verschenken zu wollen, muss schon eine Tugend sein, aus dem einfachen Grunde, dass alle anderen Werke, die verkauft werden, offensichtlich schlecht sind. Sie mussten also irgendeinen Trick gehabt haben, nichts verkaufen zu wollen. Ich weiß wirklich nicht, was für ein Trick das war, obwohl ich mir vorstellen kann, dass sie irgendwelche geheimen Zutaten ihren Arbeiten untergeschoben haben. Ich denke mir, es war der versteckte Faschismus in ihren Werken. Die Leute spürten das einfach irgendwie auch, obwohl sie es nicht sehen konnten. Warum sollten versteckte faschistische Ideen jemand davon abhalten, ein Kunstwerk zu kaufen, wo doch jeder irgendwie ein latenter Faschist ist? Eine gelehrte Fragestellung, schon deswegen, weil wir in Amerika die eigentlichen Nazis unserer Zeit sind - im Gegensatz zu den roten kommunistischen Dreckschweinen, das Rot soll ihnen aus dem Maul laufen, ich bin überzeugt, ihre ganzen Theorien sind nur ein Haufen Lügen - trotzdem sollen sie berühmt werden und Geld verdienen. In dem Fall, glaube ich, haben sie schon recht, wenn sie auf all die Gräuel hinweisen, die unsere SS-Truppen an den Juden in Vietnam verübt haben. Jedenfalls behaupte ich, dass die Juden, wie jedermann weiß, die Kunst in Amerika völlig in der Hand haben und am meisten mit der Kunst spekulieren wie mit allem anderen auch. Die Spekulationsjuden kommen am liebsten als hundertprozentige Amerikaner daher und kaufen Sachen von irgendwelchen Johns aus Montana oder sonst einer gottverlassenen Gegend. Sie reiten auf Pferden in die Stadt, wenn sie das ihnen anvertraute Viehzeug verscheuert haben, und sehen so ur-amerikanisch aus, obwohl sie in Wirklichkeit Kinder von Einwandererkerlen sind, Polacken oder ähnliches Kroppzeug, manchmal sogar heimliche Juden oder Nazis. Ihre Namen müssen aber immer auf jeden Fall ur-amerikanisch klingen. Die Spekulationsjuden - all ihr Geld sollen sie mit ihren schmutzigen Geschäften verlieren - würden niemals in jemanden investieren, dessen Name ausländisch klingt, schon gar nicht, wenn er jüdisch klingt und nach Ghetto riecht, dem diese uramerikanischen Sammlerspekulanten gerade selbst entronnen sind. Sie würden eher in die Arbeit eines amerikanischen Nazis investieren, wenn er ein echter Amerikaner ist und dazu einen amerikanisch klingenden Namen besitzt. Trotzdem, das kann man mir glauben, sie würden niemals eine einzige Arbeit kaufen, auch nicht die eines amerikanischen Nazis, wenn sie darin einen verkapselten Nazi riechen würden.

Also Boris, Sam und all die anderen besaßen das Zauberkräutlein, mit dem man Kunst herstellt, die sich überhaupt nicht verkauft - und das muss heutzutage das einzige Kriterium sein, an der man gute Kunst messen kann, das sagt mir dieses Quäntchen Instinkt und Gesundheit in meinem ansonsten völlig kranken Hirn. Und doch, an einem bestimmten Punkt verloren Sam und Boris beinahe diese hervorragende Eigenschaft, nämlich dann, als sie ihre Shit-Show machten. überzeugt davon, diese Ausstellung würde vor aller Welt bestätigen, dass sie kein einziges Werk verkaufen könnten, meinten sie, den unwiderruflichen Beweis für ihre Geniehaftigkeit endlich fixiert zu haben. Doch gerade bei der Shit-Show ging es allmählich mit ihnen bergab: Die Judenspekulanten unter der Führung von katzenbuckelnden Pfadfindern kamen langsam in Gertrude Steins Kellergalerie und schnüffelten dort in der Shit-Show herum und konnten sich nicht davon losreißen. Der Geruch regte sie so auf. Sie wollten von der Scheiße etwas mit nach Hause nehmen, auch wenn sie dafür bezahlen mussten. Ich kann wirklich nicht sagen, ob sie die Scheiße aus Spekulation oder als Investition kaufen wollten. Ich neige eher zu der Behauptung, dass diese arschfickenden Spekulanten einfach dem Geruch der Scheiße nicht widerstehen konnten, denn er erinnerte sie an den Geruch ihrer eigenen Scheiße, weil sie ihre Scheiße mehr liebten als sich selbst. Ich möchte sogar noch weitergehen, sie hatten einen tief verborgenen Hass gegen sich selbst, weil sie Spekulanten und Drecksjuden waren. - Sie liebten ihre Scheiße, was sie natürlich nie zugeben würden, Sams und Boris' Scheiße erinnerte sie an ihre eigene Scheiße, und (Scheiße!) sie mussten deshalb die Scheiße einfach kaufen. während einer Verkaufskonferenz, abgehalten zur Geisterstunde in der Stein-Galerie mit Gertrude Stein (nicht zu verwechseln mit Gertrude Stein aus Paris), mit dem Vorsitzenden aller Judenspekulanten, seinen katzenbuckelnden Pfadfindern und Wichtigtuern sowie mit Sam und Boris, mussten Werke ausgewählt werden, die an das Syndikat verkauft werden sollten, mussten Preise festgesetzt werden. Also während dieser Verkaufskonferenz fing der Judenspekulant mit Boris einen Streit über dessen Arbeiten an, um auf diese Weise Boris runter zumachen und Sam aufzubauen. Dabei benutzte der Jude so widerliche und ordinäre Ausdrücke, dass Gertrude Stein - eben erst getrennt lebend von ihrem konservativ wirtschaftenden Ehemann und noch nicht vertraut mit der auf den höchsten Gipfeln der Kunstwelt üblichen Sprache - erröten musste und vor Verwirrung schwieg, obwohl es ihr sehnlichster Wunsch war, die Scheiße zu verkaufen. Schließlich war sie selbst eine Judenhändlerin und konnte der Gelegenheit nicht widerstehen, einen so großen Posten Originalscheiße verkaufen zu können. Boris aber war schlau genug, um anderer Leute Motive zu durchschauen, obwohl er ein genau so beschissener Künstler war wie jeder Dahergelaufene. Er und Sam hatten nie genug Bilder verkauft, um wenigstens halbwegs anständig davon leben zu können, trotzdem sie sich verrückt abgestrampelt hatten. Also Boris begriff, dass dieser Pop-Spekulant und seine scheinheiligen Mitläufer versuchten, Keile zwischen Boris und Gertrude, zwischen Sam und Boris sowie zwischen Sam und Gertrude zu treiben. Leider wussten die Kerle nicht, dass das gar nicht nötig war, denn Gertrude und Sam konnten sich ohnehin nicht ausstehen. Gertrude duldete Sam nur, weil sie irrsinnig in Boris verliebt war. Wie auch immer, Boris durchschaute die herrschsüchtige Strategie, die darauf ausging, eine echte zusammengewachsene Gruppe zu zerbrechen. Deshalb griff er den jüdischen Popkäufer und seine krummbuckligen Untergebenen mit solch verbaler Vehemenz an, dass sein aufgestauter Zorn und alle verdrängten Frustrationen aus seinen eigenen Tagen als gefangener Jude im Konzentrationslager von den KellerWänden widerhallten. Sein Zornesausbruch kam solch einer Gewalt, als hätten die sechs Millionen Juden, die von den Nazis getötet wurden, alle zusammen genommen, begonnen, gegen ihre Mörder loszubrüllen. Die Kellerwände erzitterten, das Haus vibrierte und sogar das Empire-State-Building, das wegen seiner Höhe sowieso schon schwingt, bewegte sich in diesem Augenblick ein bisschen mehr. Die Verkaufskonferenz war im Begriff, sich in eine Pleite aufzulösen. Doch der Pop-Spekulant - schlauer Jude der er war, erfahren in juristischen Konferenzen und ähnlichem, Versicherungsschiebungen waren seine Spezialität - war sich im Klaren darüber, dass ihn sechs Millionen Juden angebrüllt hatten, ihn mit ihrem Todsein bedroht hatten durch Boris' Stimme. Er nahm also alles zurück, was er über Boris an Schlechtem gesagt hatte und gab zu, dass Boris seine Sache aus Überzeugung mache ohne auf irgendjemand zu hören. Aber dann meinte er auch, wenn Boris und Sam auf ihn eher gehört hätten, wären sie beide schon längst unter den berühmtesten Popkünstler und damit reich. Die Unterhaltung, unterbrochen durch das Gebrüll von sechs Millionen und einem, wurde dann ruhiger fortgesetzt und alles war plötzlich so gemütlich und intim. Am Ende der Konferenz schüttelte man sich die Hände und vereinbarte einen späteren Termin, um die Scheißplastiken auszuwählen und die Preise festzusetzen. Alle außer Sam, der die ganze Zeit geschwiegen und sich in keinen Streit eingemischt hatte, resignierten angesichts der unvermeidlichen Tatsache, dass dieses Mal die Scheiße verkauft werden musste. Alle gaben den Besuchern beim Abschied die Hand und nur der bisher schweigsame Sam sagte beim Händeschütteln mit den Spekulanten:

" I c h  s c h e i s s  a u f  D i c h !"

So verkaufte man nichts. Weder Sam noch Boris wurden berühmt. Bis zum heutigen Tage, doch das Ansehen ihres Werkes wurde bis zum Schluss hochgehalten. Alles wäre nachgerade fast in die Binsen gegangen, wenn nicht die sechs Millionen toten Juden Sam dazu gebracht hätten, zu dem reichen Spekulanten eine solche Gemeinheit zu sagen. So erfüllte er die Aufgabe, seinen und Boris' Ruf am Rande des Abgrunds zu retten.
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