In dieser Ausstellung treffen zwei Künstler aufeinander, deren Biografien und Werke kaum unterschiedlicher sein könnten. Boris Lurie, 1924 in Leningrad geboren und in Riga aufgewachsen, überlebte mit seinem Vater sowohl das Rigaer Ghetto und mehrere Konzentrationslager, während die Mutter, eine Schwester und die Großmutter bei den "großen Aktionen" am 29. November und 8 Dezember 1941 bei den Kiefernwäldern in Rumbula ermordet wurden. Die Befreiung durch die Amerikaner erlebten Boris und llja Lurie in Magdeburg, in einem Außenlager des KZ Buchenwald. Nach dem Krieg übersiedelten beide in die USA, wo Lurie seitdem in New York City lebt und dort Ende der fünfziger Jahre die radikale Kunstbewegung NO!art als Gegenbewegung zur Pop-Art gründete. In bislang einzigartiger Weise macht er seine Erinnerungen als Überlebender zum Thema und stellt sie in einen aktuellen Alltagskontext aus Werbung, Pornografie und Politik. Mit einer harten und kontrastierenden Ästhetik, die nicht harmonisiert, sondern Widersprüche polarisierend aufeinander treffen lässt, collagiert er Gräuelfotos mit Pin-ups, kombiniert sie mit anderen Materialien zu Assemblagen, um sie anschließend auch noch zu übermalen. Seine Werke waren 1995 in einer monografischen Ausstellung, initiiert von der NGBK, im Haus am Kleistpark zu sehen, und sie haben viele Besucher nachhaltig beeindruckt und in ihrer Radikalität verstört. In der aktuellen Ausstellung ist Lurie mit seinen sprachkünstlerischen Arbeiten in Schrift und Ton präsent, seine Bilder sind von einer CD-Rom abrufbar.
Naomi Tereza Salmon, die 1965 in Israel geboren wurde und seit vielen Jahren in Deutschland lebt, lernte Boris Lurie anlässlich dessen Ausstellung in der Gedenkstätte Buchenwald 1998 kennen. Fasziniert von Person, Werk und Biografie reiste sie mehrfach nach New York, um Lurie in dessen Wohnung und Studio aufzusuchen. In ihren fotografischen Arbeiten hat Naomi Tereza Salmon bisher häufig Fundstücke und Objekte daraufhin befragt, inwieweit den Dingen selbst ein Gedächtnis innewohnt und vom Betrachter in den seriellen Arbeiten gelesen werden kann. Ihre fotografischen "Stilleben" aus Luries collagierter Lebenswelt machen deutlich, wie stark Lurie von Versatzstücken seiner Erinnerung umgeben ist. In der konzeptuell klar strukturierten Ausstellung konfrontiert Salmon ihre Fotografien mit den Gedichten Luries, die unaufhörlich um das Erlebte und sein Erinnern kreisen. Mit expressiver Kameraführung entsteht ein poetisches und sehr persönliches Portrait von Lurie, das zugleich Ausdruck der Erinnerungsform einer jüngeren Künstlergeneration ist.