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RETRO 2003 |  Naomi T. Salmon: "BORIS LURIE, optimistic-disease-facility" — Information

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Der 1924 in Petersburg geborene und in Riga aufgewachsene Mitbegründer der NO!art, Boris Lurie, nimmt unter den Künstlern, die die deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager überlebt haben, eine besondere Stellung ein. Seine international auf zunehmend breiteres Interesse stoßenden, teils provozierenden Bilder, Collagen und Objekte halten nicht nur die NS-Greuel in Erinnerung, sondern sie thematisieren zugleich deren massenkulturelle, voyeuristische Rezeption und Verwertung.
Lurie hat sich nie als ein Mitleid erheischender "Opferkünstler" verstanden, sondern als Teil eines besonderen, gesellschaftskritischen New Yorker Underground, der zugleich kosmopolitisch vernetzt ist. Wolf Vostell oder Günther Brus haben auf je eigene Weise zu seinen europäischen Freunden und Mitstreitern gehört. Dem Kunstmarkt hat sich Boris Lurie konsequent verweigert, Ausstellungen seiner Werke hat er nur selten zugelassen. So ist er zu einem Künstler für Künstler geworden und wird derzeit ebenso sehr mythisiert, wie als "Geheimtip" und radikales Gegenmittel gegen die sentimentalischen, vordergründigen, moralisierenden Formen der Erinnerungskultur neu entdeckt.
Zwischen Hitler und Stalin geboren, brechen sich in seinen Arbeiten die extremen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts ungeschminkt Bahn. Dies gilt nicht zuletzt auch für seine sprachkünstlerischen Arbeiten. — Leben und Lebenswerk Boris Luries bilden ein radikales, schroffes und zugleich poetisches Gesamtkunstwerk. In New York bewohnt Lurie gleichsam seine Collagen, und wie durch einen fadenscheinigen Stoff scheint die Lagererfahrung durch alles, was ihn zivilisatorisch umgibt, hindurch. Nach einer Retrospektive seiner Arbeiten im Kunstmuseum der Gedenkstätte Buchenwald 1998/99 hat er der in Deutschland lebenden israelischen Künstlerin Naomi Tereza Salmon erlaubt, erstmals sein Leben und Lebenswerk umfassend künstlerisch zu dokumentieren. Die Ausstellung steht deshalb sowohl für einen ungewöhnlichen Vertrauensbeweis wie für gegenseitige künstlerische Wertschätzung und eine seltene Form subtiler Zusammenarbeit.
Gezeigt wird die multimediale Ausstellung aus Photos, Video, Toninstallationen, Gedichtprojektionen und computerbasierten Bildsequenzen im erst kürzlich restaurierten dritten, 750 qm umfassenden Stockwerk der ehemaligen Effektenkammer des KZ Buchenwald. Sie basiert auf zwei vorbereitenden New York-Aufenthalten Naomi Tereza Salmons und dem Gesprächsgeflecht zwischen ihr und Lurie, das sich aus ihrer Begegnung ergab.
Im Rahmen der Ausstellung wird auch das 2003 im Eckhart Holzboog Verlag erschienene Künstlerbuch Boris Lurie, Geschriebigtes Gedichtigtes, herausgegeben von Volkhard Knigge, Eckhart Holzboog und Dietmar Kirves, vorgestellt. Es umfasst 446 Seiten und enthält zahlreiche Abbildungen.